Wutursachen bekämpfen

Ich habe noch einmal über das nachgedacht, was ich in meinem Artikel am 20. Oktober geschrieben habe. Nämlich dass viele Menschen eben doch gar nicht so plötzlich sondern über einen langen Zeitraum wütend geworden sind. Ich mag das Wort Wut ja in diesem Zusammenhang eigentlich nicht so gerne gebrauchen. Ich finde, es hat etwas von einem Kampfbegriff bekommen. Spätestens seit dem Wort Wutbürger hat das Wort Wut für mein Empfinden eine sehr negative Anhaftung erhalten. Aber es ist ja nun mal wie es ist und viele Menschen sind wütend. Und für meine weiteren Gedanken dazu, möchte ich jetzt gerne etwas weiter ausholen.

Es ja so, dass in Bezug auf die Asylkrise verlangt wird, und das zu Recht, die Fluchtursachen der Menschen zu bekämpfen. Was auch immer der Grund für ihre Flucht oder Migration ist, soll bekämpft werden. Meiner Meinung nach sind die Erklärungen der Bundesregierung, was denn diese Fluchtursachen seien, immer etwas zu verkürzt. Man könnte auch sagen, es wird der wesentliche Teil weg gelassen.

Fluchtursache 1: Krieg
„Die Menschen flüchten, weil in Syrien Krieg ist. In Syrien ist Krieg, weil da böse fanatische Moslems sind, die sich selbst Islamischer Staat nennen, und der böse Herr Assad ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung einfach angefangen hat, wild um sich zu ballern.“ Ist das die korrekte Zusammenfassung der Aussagen unserer Regierung? Warum spricht niemand darüber, wie sich diese mittlerweile völlig unüberschaubare Situation überhaupt hat entwickeln können? Warum sich gewissen Teile der Bevölkerungen dort radikalisiert haben? Von wem sie mit Geld und Waffen unterstützt wurden und werden?

Fluchtursache 2: wirtschaftliche Gründe
Boah puh ey. Das ist ein echt breites Feld. Also in Afrika zum Beispiel. Da läuft es ja eigentlich in kaum einem Land so richtig gut. Zumindest nicht nach europäischen Maßstäben. Da ist es ja nur verständlich, dass die Menschen sich auf den Weg in eine andere Gegend machen. Aber auch hier fragt niemand nach, warum die Bevölkerung der Länder, welche zum Beispiel über wahnsinnig wertvolle Bodenschätze verfügen, eigentlich so arm ist. Oder warum Menschen plötzlich Tageswanderungen auf sich nehmen müssen, damit sie an sauberes Trinkwasser kommen, obwohl sie in Dorfnähe eine Trinkwasserquelle haben.

Fluchtursache 3: politische Verfolgung und der Rest
Viele Menschen werden wegen ihrer Meinung, Einstellung, Herkunft oder Lebensweise an vielen Orten des Planeten unterdrückt, benachteiligt, inhaftiert und/oder gefoltert. So kann ein Mensch natürlich nicht in Frieden leben. Also machen sich auch diese Menschen auf den Weg dahin, wo sie glauben, in Frieden leben zu können. In den meisten Ländern ist das aber kein Problem, das wie durch Zauberhand von selbst entstanden ist. Viele dieser Länder wurden von außen destabilisiert. Durch unnötige Kriege zum Beispiel. Oder durch Regierungsputsche. Und dann wurden sie mehr oder weniger sich selbst überlassen. Radikale Gruppierungen oder verrückte Spinner füllten das entstandene Machtvakuum. Oder Drogenkartelle. Oder Warlords. Niemand fragt danach, wer eigentlich all diese sogenannten „failed states“ zu selbigen gemacht hat.

Und nun zurück zum Thema Wutursachen-Bekämpfung.

Auch hier gilt: Anstatt immer nur oberflächliche Phrasen zu dreschen und Binsenweisheiten zu dozieren, sollte man vielleicht über die Ursachen nachdenken. Eine Vorgehensweise, die sich in der Medizin schon lange durchgesetzt hat. Nicht die Symptome sondern die Ursachen der Krankheit bekämpfen. Wobei ich Wut natürlich nicht mit einer Krankheit gleichsetzen will. Dieser Vergleich dient lediglich als Metapher.

Wutursache 1: Das Flüster-Phänomen
Das kennt bestimmt fast jeder. Erinnere Dich mal an Deine Kindheit. Da steht ein Grüppchen zusammen und tuschelt. Dann sehen sie Dich an und lachen. Und Du hast sofort ein doofes Gefühl dabei. Der Mensch ist ein soziales Wesen und er mag es gar nicht, ausgeschlossen zu werden. Er mag es nicht, wenn Informationen von Dritten ausgetauscht werden, die ihn persönlich betreffen. Eventuell sogar Lügen. Der Mensch mag es nicht, wenn man Lügen über ihn verbreitet. Aber um eine Falschaussage richtig stellen zu können, muss man diese Aussage kennen. Und wenn jetzt vielleicht sogar noch von Anderen Entscheidungen aufgrund dieser falschen Aussage getroffen werden, die das eigene Leben betreffen, ist es umso wichtiger, diese Aussage richtig zu stellen. Doch die Menschen haben zunehmend das Gefühl, dass ihnen nur das gesagt wird, was sie hören sollen. Und was sonst noch so getuschelt wird, erfahren sie nicht. TTIP ist ein super Beispiel dafür. Aber auch sonst haben viele Menschen in der BRD das Gefühl, dass die Regierung zusammen mit Anderen (Großkonzerne, andere Regierungen, Geheimdienste, Banken) oder untereinander die Köpfe zusammenstecken, tuscheln, dann auf die Bürger gucken und lachen. Und dass sich dieses Gefühl so stark entwickeln konnte, muss ja eine Ursache haben. Eine, die man sicher „bekämpfen“ kann.

Wutursache 2: Von oben herab
Ich denke, was vielen Menschen übel aufstößt ist die Tatsache, dass besonders die deutschen Politiker seit einiger Zeit dazu übergegangen sind, mit erhobenem Zeigefinger durch die Weltgeschichte zu marschieren und ihre Sicht der Dinge als die einzig richtige darzustellen. Wenn man aber keine konstruktiven Lösungen für Meinungsverschiedenheiten findet, sondern einfach Dinge aufoktroyiert, ist ein Konflikt unausweichlich. Das sollte selbst dem Dümmsten klar sein. Das Gefühl zu haben, von oben herab regiert zu werden, aber gleichzeitig zu wissen, dass man in einer Demokratie lebt, erzeugt Wut. Denn es widerspricht jedem gesunden Gerechtigkeitsempfinden. Oder wählt man bei der Bundestagswahl gar keine demokratische Regierung? Wählt man vielleicht einen König? Oder Lehnsherren? Also ich dachte, dass nach unserem Grundgesetz das Volk in Form seiner Vertreter regiert. Folgendes Beispiel kommt mir in den Sinn:
Ich bin Inhaber einer größeren GmbH. Damit ich nicht alles selbst machen muss, ernenne ich jemanden zum Geschäftsführer und erteile ihm Prokura. Er soll mich also in geschäftlichen Angelegenheiten vertreten. Das geht auch eine Zeit lang gut. Bis er plötzlich damit beginnt, mir Vorschriften machen zu wollen, mich zum Hof fegen einteilt. Er reißt den kompletten Laden an sich. Schließt Verträge ab, die der Firma wirtschaftlich schaden und so weiter. Kurz gesagt, er baut nur Scheiße und ist auch noch frech dabei. Mal ganz davon abgesehen, dass jedem klar ist, dass ich den Typen in hohem Bogen raus schmeißen würde ist doch die Frage, wie ich mich dabei fühle, wenn diese Entwicklung beginnt.
Und genau so fühlen sich viele Menschen in diesem Land. Sicher ist es nicht einfach, einer Horde von 80 Millionen Individuen immer alles recht zu machen. Das zu verlangen wäre unrealistisch. Aber ich lasse mich doch von MEINEN Angestellten, die ICH bezahle, nicht von oben herab behandeln. „Hier hasse deine Rassel und jetzt halt die Fresse, du dummes Blag.“ Das erzeugt Wut.

Wutursache 3: Meinungsmanipulation
Durch die Fragmentierung der Informationen, fällt es sicher vielen Menschen schwer, Zusammenhänge herzustellen. Man muss schon wirklich viel Zeit aufwenden, um hinter bestimmten Informationen den Kern zu finden. Wusstest Du zum Beispiel, dass in sozialen Netzwerken Bots ihr Unwesen treiben? Adrian Lobe hat einen sehr interessanten Artikel dazu bei spektrum.de veröffentlicht. Und wenn man diesen Artikel von Dushan Wegner auf „Tichys Einblick“ auch noch zufällig gelesen hat, stellt man unweigerlich einen Zusammenhang her. Liest man nur einen der beiden Artikel, hat man möglicher Weise ein unvollständiges Bild. Auch Dushan Wegner musste erst verschiedene Twitter-Meldungen lesen um zu bemerken, dass es bei den Posts einen Zusammenhang gibt. So kommt eins zum anderen. Das Internet ist hier Segen und Fluch zugleich. Es ermöglicht zwar das Auffinden von Informationen. Doch es erschwert durch die Flut dergleichen auch die Möglichkeit, daraus einen Zusammenhang herzustellen. Mal ganz davon abgesehen, dass jeder Hirni seine kruden Theorien ins Internet blasen kann (so wie ich) und dadurch noch ein weiteres Problem hinzu kommt. Was ist Wahrheit und was nicht?
Aber zurück zum Kern. Die Menschen auf der Welt stellen fest, dass ihre Meinung manipuliert wird oder zumindest manipuliert werden soll. Das passiert ja nicht nur in Deutschland. Aber eben auch. Und das macht die Menschen natürlich wütend. Sie wollen nicht mit Parolen, Halbwahrheiten oder gar Lügen, manipuliert werden. Das Wissen darum, Manipulationsversuchen ausgesetzt zu sein, kann übrigens auch zu Paranoia führen. Und plötzlich bringt jeder Gast zur nächsten Party einen Aluhut mit.

Wutursache 4: Frag nicht!
Viele Menschen machen sich um die Geschehnisse auf der Welt Gedanken. Das bleibt ja oft nicht aus, wenn man über ein funktionierendes Gehirn verfügt. Und wenn man sich über etwas Gedanken macht, entstehen Fragen. Wenn die Eltern dem Kind erzählen, dass das Christkind die Geschenke bringt und in der Grundschule alle was vom Weihnachtsmann erzählen, wird das Kind skeptisch. Es stellt den Eltern die Frage nach der Wahrheit. Die Frage nach der Wahrheit treibt die Menschen seit tausenden von Jahren an. Dafür geben Weltraumorganisationen Milliarden von Dollar oder Euro aus. Mit dem Geld könnte man sicher auch den Welthunger bekämpfen. Aber der Drang, die Wahrheit über das Leben, dem Universum und dem ganzen Rest zu erfahren, ist einfach nicht zu unterdrücken. Jetzt kommt es aber darauf an, wie die Eltern in der Situation reagieren. Vernünftige Eltern merken, dass das Lügenkonstrukt nicht länger aufrecht zu erhalten ist. Sie sagen dem Kind möglichst schonend die Wahrheit. Bekloppte Eltern erzählen ihrem Kind, dass der Weihnachtsmann nur eine Theorie von verrückten Spinnern ist und das Christkind wirklich existiert. Und so radikalisieren sie ihr eigenes Kind. Denn mit den Weihnachtsmann-Spinnern will es jetzt nichts mehr zu tun haben. Und es wird auf Teufel komm raus die ihm eingepflanzte Meinung vertreten. Wenn nötig auch mit körperlicher Gewalt. Es wird auch versuchen, die beste Freundin oder den besten Freund von seiner Wahrheit zu überzeugen. Denn man braucht ja Mitstreiter im Kampf gegen den Weihnachtsmann. Das Kind, das die Wahrheit kennt, weiß, dass andere Kinder noch einer Lüge aufsitzen. Wenn die Eltern schlau genug waren, werden sie ihrem Kind gesagt haben, dass es in der Schule nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen soll. Aber dass es auch nicht Lügen soll, wenn es nach der Wahrheit gefragt wird. Und wer, um wieder zum Kern zu kommen, die Frage nach der Wahrheit stellt, sollte von dem der sie kennt, auch die wahrheitsgemäße Antwort bekommen.
Zum Beispiel über 9/11. Ich wähle dieses Beispiel, weil es so populär ist. Es gibt sicher viele berechtigte Fragen, die sich aus der Beobachtung von Fakten ergeben haben. Warum ist WTC 7 eingestürzt? Warum wird der Einsturz im Commision Report nicht erwähnt? Wo sind die ganzen Trümmer der Zwillingstürme geblieben und warum sind sie überhaupt eingestürzt? Warum brennen andere Wolkenkratzer tagelang und stürzen nicht ein? Und warum werden Menschen, die solche Fragen stellen, reflexartig als Verschwörungstheoretiker bezeichnet? Damit, dass man solche Fragen stellt, stellt man ja noch keine Theorie auf. Man wird doch mal fragen dürfen. Und man wird doch auch weiter fragen dürfen, wenn man eine Antwort bekommt, bei der man gar nicht genug Augenbrauen hat, die man einseitig hochziehen kann. Aber 9/11 ist vielleicht doch ein schlechtes Beispiel. Es existieren nämlich rund um dieses Ereignis wirklich ein paar ganz, ganz merkwürdige Theorien. Oder sollte ich lieber sagen Gerüchte? Trotzdem hatte dieses Ereignis weitreichende Folgeereignisse. Afghanistan, Irak, Patriot Act und NSA inklusive. Da möchte man doch schon gerne wissen, ob das auch wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen und was da jetzt schlussendlich wirklich die Wahrheit ist. Immerhin hat das Ereignis 9/11 eine Menge Menschleben gekostet. An diesem und vielen darauf folgenden Tagen. Da empfehle ich mal so ganz nebenbei den Film „Fahrenheit 9/11“.
Wir stellen also fest: Menschen haben Fragen. Wie wird das Wetter morgen? Wie entstehen Kornkreise? Kann ich später noch von meiner Rente leben? Gibt es Leben nach dem Tod? Was erzählt der Mann im Fernsehen da, ich hab das ganz anders erlebt? Wann ist Pi endlich zuende? Geht mein Partner fremd? Ist die Erde eine Scheibe? Gibt es intelligentes Leben auf der Erde außerhalb des Sonnensystems? Wie tief ist der Ozean? Wer ist unter der Burka? Was soll ich morgen kochen? Was sind das für Lichter am Himmel? Woher bekomme ich jetzt Trinkwasser wenn Nestle oder Coca Cola mein Wasser abfüllen und verkaufen, ich aber nicht genug Geld habe, es von ihnen zurück zu kaufen? Wer hat Kennedy ermordet? Warum taucht F(C)KW plötzlich wieder in den Medien auf? Habe ich die Kaffeemaschine ausgeschaltet? Was ist in meiner Lasagne für ein Fleisch? Wie sieht der Mond von hinten aus? Wann kommt die nächste Bahn? Wie viele böse Menschen sind unter den Flüchtlingen? Wann ist endlich Geld drauf? Wer hat an der Uhr gedreht? Sind wir bald da? Is‘ denn heut‘ scho‘ Woihnacht’n? Fragen über Fragen. Manche darf man stellen, andere anscheinend nicht. Viele Menschen werden wütend wenn sie keine Fragen stellen dürfen.

So, und nun? Wie werden diese Wutursachen bekämpft? Genauso wie die Fluchtursachen – halbherzig bis gar nicht.

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