Lerne etwas Vernünftiges!

Als ich damals auf meinen Schulabschluss zuging, war die Welt irgendwie noch eine andere. Zumindest was den Beruf anging. Die paradiesischen Zustände Ende der 1960er Jahre, von denen mein Vater mir berichtete, gab es zwar in der Form nicht mehr. Trotzdem war alles irgendwie anders. Mein Vater konnte sich noch aussuchen, wo er arbeiten wollte. Der Arbeitgeber mit dem besseren Gehalt, oder anderen tollen Konditionen wurde gewählt. Als ich in der 10ten Klasse mein Zwischenzeugnis bekam, hatte ich die Wahl. Ich hätte eine Nachprüfung in Physik oder Englisch machen können, um die Qualifikation für das Abitur doch noch zu bekommen. Abitur brauchte man damals aber eigentlich nur, wenn man studieren wollte. Also entschied ich mich dafür, auf die Nachprüfung zu pfeifen. Ich wollte lieber eine Ausbildung machen. Was für eine, wusste ich zwar noch nicht. Aber studieren kam gar nicht in Frage. Das war 1992 und ist jetzt 25 Jahre her.

Dann habe ich mit meinem Leben herum experimentiert. Halbherzige Suche nach einer Ausbildung als Arzthelferin (GOTT sei Dank habe ich keine bekommen!!), halbherzige Suche als Rechtsanwalts-Tippse. Auch hier hat mein Schutzengel sich darum gekümmert, dass ich keinen Ausbildungsplatz bekommen habe. Danke an dieser Stelle auch dafür! Naja, das Rumgeiere endete dann in der Übernahme einer Kneipe mit der ich mit Pauken, Trompeten und Schulden nach 4 Monaten unterging. Da war ich 18. Dann habe ich mich darauf besinnt, mein Leben anders anzupacken. Führerschein endlich fertig gemacht und ernsthaft nach einem Ausbildungsplatz für eine kaufmännische Ausbildung gesucht. Da ich für das Jahr etwas spät dran war, vermittelte mich das Arbeitsamt in ein sogenanntes berufsvorbereitendes Jahr. Dort konnte ich schon mal das Grundwissen für eine kaufmännische Ausbildung sammeln. Ich lerne Rechnungswesen, 10-Finger-blind-schreiben und vieles mehr. Man kümmerte sich um unsere Bewerbungen und zwei Zwei-Wochen-Praktika waren ebenfalls Bestandteil dieses Jahres. Das hat mich in die richtige Spur gebracht. Trotzdem waren meine Abschlussnoten von der Gesamtschule nicht die aller tollsten. Mittels Vitamin-B über meine Mutter gelang es mir dann, einen Ausbildungsplatz als Bürokauffrau zu ergattern.

Was für ein unfassbares Glück ich da hatte, war mir damals gar nicht bewusst. Als ich die Schule verließ, galt eigentlich noch eine feste Regel: Wer auf die Hauptschule geht, macht eine handwerkliche Ausbildung. Wer auf die Realschule geht, macht eine kaufmännische Ausbildung. Wer auf das Gymnasium geht, macht Abi und studiert dann. Okay, ich war auf dem Gymnasium. Von dort aus bin ich aber mitten im achten Schuljahr zur Gesamtschule gewechselt. Und dort habe ich dann meinen Schulabschluss nach Klasse 10 gemacht. Also den Realschul-Abschluss oder auch FOR I (Fach-Oberschul-Reife 1). Als ich aber auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz war, drängten schon so langsam die ersten Abiturienten in den Ausbildungsmarkt. Sie nahmen den Schulabgängern ohne Abi die guten Ausbildungsplätze weg. Sehr begehrt war die Ausbildung als Industriekaufmann. Denn Industrie hieß in den allermeisten Fällen Großindustrie. Thyssen, Krupp, Siemens, RWE usw. All die riesigen Konzerne, die einen sicheren Hafen für das ganze Leben boten, wenn man sich nicht allzu doof anstellte. Für die Abgänger ohne Abi blieben nur noch die anderen kfm. Berufe. Wie zum Beispiel die Bürokauffrau. Denn das wurde in jedem kleinen Pipibetrieb ausgebildet.

Als ich dann mit meiner Ausbildung fertig war, hatte ich erst einmal andere Sorgen. Ich habe mich nicht mehr mit dem Ausbildungsmarkt in Deutschland beschäftigt. Doch als ich dann bei einem BMW-Händler gearbeitet habe, habe ich live mitbekommen, was sich in den letzten Jahren auf diesem Markt verändert hatte. Denn irgendwann kam der Werkstattleiter und sagte: „So, jetzt ist Schluss! Ich stelle nur noch Azubis mit Abitur ein. Die ganzen Pappnasen, die nicht mal ihren eigenen Namen auf ein Blatt Papier schreiben können, will ich hier nicht mehr sehen.“ Ich habe mich damals gefragt, warum er überhaupt solche Ansprüche stellt. Denn immerhin wurde fast nie ein Azubi in der Werkstatt übernommen. Wie auch? Der Händler war damals ein Betrieb mit ca. 60 Mitarbeitern. Bei meist zwei Azubis pro Lehrjahr und vier Ausbildungsjahren waren dort also im Schnitt immer acht Azubis in der Werkstatt beschäftigt. Hinzu kamen noch die kaufmännischen Azubis. zu einer bestimmten Zeit waren das sogar auch zwei pro Lehrjahr. Also sechs kaufmännische und acht gewerbliche Azubis. Insgesamt also 14 Auszubildende. Das ist für einen Betrieb dieser Größe schon enorm. Wie auch immer. Wer in diesem Betrieb Mechatroniker werden wollte, musste also mindestens Abitur haben. Wer aber Automobilkaufmann werden wollte, sollte ein sehr gutes Abitur haben.

Und jetzt jammert das Handwerk herum, dass sie keine Azubis mehr bekommen. Es will niemand mehr Bäcker oder Maurer werden. Ja wie kommt das bloß? Wenn man den Jugendlichen Jahrzehnte lang einhämmert, dass sie Abitur machen müssen, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen, werden sie ihr Abi sicher nicht an eine Bäcker-Lehre „verschwenden“.

Und wenn man mal einen Studenten kennen lernt, oder einen Abiturienten, der sich bereits entschieden hat, was studieren die Leute dann? Genau! BWL! Jeder Schwanz studiert heute BWL. Was soll das? Das ist wieder genauso eine „unbemerkte“ Entwicklung wie damals mit den Abiturienten, die kaufmännische Ausbildungen gemacht haben. Niemand sieht das?

Was auf dem Papier steht ist allerdings etwas anderes als das, was tatsächlich an Fachwissen vorhanden ist. Denn mittlerweile bekommt man das Abitur hinterher geschmissen. Wer heute Abitur macht, ist ungefähr genauso gebildet, wie ein Realschulabgänger vor 20 Jahren. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Aber gut kann das nicht sein. Das Abi ist einfach nichts mehr Wert. Hochschulprofessoren beschweren sich über den grottenschlechten Bildungszustand der Studienbeginner. Tja …

Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich das alles hinter mir habe und eine solide und breit gefächerte Berufserfahrung vorweisen kann. Müsste ich heute nochmal ins Berufsleben starten, würde ich mich wohl für Hartz IV entscheiden …

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