Wenn man plötzlich die falschen Freunde hat

Soeben las ich einen Blog-Artikel bei der Zeitung „Neue Westfälische“. Der Autor beschreibt eine angebliche Begebenheit mit einer entfernten Bekannten, die er Jenny nennt. Dieser Artikel ist ein Paradebeispiel für viele Dinge. Ausgrenzung, Überheblichkeit, Filterblasen, aus der Luft gegriffene Unterstellungen. Die ganze Geschichte wirkt auf mich übrigens komplett ausgedacht – von einem Fünftklässler.

Vorweg möchte ich noch anmerken, dass der komplette Artikel bei der Neuen Westäflischen gelesen werden sollte, denn ich werde hier immer nur Auszüge zitieren. Das kann, ohne den Artikel gelesen zu haben, etwas zusammenhanglos erscheinen.

Aber werfen wir einen Blick darauf.

In einer kurzen Einleitung wird eine scheinbar „normale“ junge Frau beschrieben, die gerne Kuchen backt und Game of Thrones guckt. Und dann geht es auch schon los.

Mich hat es schon immer irgendwie interessiert, was wohl in diesen Menschen vorgeht, die sich von der AfD ein besseres Deutschland erhoffen.

Und mich interessiert es brennend, was wohl in diesen Menschen vorgeht, die sich von CDU, CSU, SPD, FDP, Grünen oder Linken ein besseres Deutschland erhoffen. Denn ganz offensichtlich ist ja mit diesen Parteien niemals etwas wirklich besser geworden. Aber ich starte gerne einen Erklärungsversuch für die, die AfD-Wähler nicht verstehen. Die Menschen, die die AfD wählen, haben das Gefühl, dass die Demokratie zu einer Diktatur verkommt. Es gab keine Opposition im Bundestag. Es wurde nicht mehr gestritten, nur noch abgenickt. Es wurden Entscheidungen gegen geltende Gesetze und Vereinbarungen getroffen – und niemand muss sich dafür ernsthaft verantworten. Außerdem sind die Menschen sehr unzufrieden mit der Einwanderungspolitik. Und außer der AfD und der FDP hat niemand angeboten, daran sinvoll etwas zu ändern. Und diejenigen, die jetzt die FDP gewählt haben, haben das NUR wegen der Einwanderungspolitik gemacht und weil sie Angst hatten, die AfD zu wählen. Wenn dann also eine Partei daher kommt, die das alles anprangert, wird sie natürlich gewählt. Es hätte mich gewundert, wenn es anders gewesen wäre.

Oder die unter Facebook-Posts, in denen Gewalttaten beschrieben werden, mit „Einzelfall“ oder „Ja, das sind eure Fachkräfte“ kommentieren. Ich habe nie einen dieser Menschen getroffen und ernsthaft danach fragen können, was eigentlich sein Problem ist.

Nun, ich bin keiner „dieser Menschen“, weil ich so gut wie nichts im Internet kommentiere. Aber vielleicht kann ich es für den Autor trotzdem erklären. Das liegt teilweise an der Kölner Silvesternacht, teilweise an den Äußerungen der Medien, teilweise an den Äußerungen der Politiker. Ein Großteil der Menschen, die in diesem Land leben, sind nicht dumm. Das muss man einfach mal zur Kenntnis nehmen. Auch wenn ganz gerne mal etwas anderes behauptet wird. Und Menschen, die nicht dumm sind, nutzen gerne das Stilmittel der Ironie oder des Sarkasmus. Und wenn die eigene Lebenswirklichkeit (nicht gefühlt, sondern erfahren!), dem widerspricht, was Journalisten und Politiker in die Welt hinaus blasen, dann kommen solche Kommentare dabei heraus.

Meist sind es irgendwelche Helmuts oder Rüdigers ohne Profilbild, die gegen den Islam hetzen, alle Flüchtlinge pauschal zu Gewalttätern erklären und „Mutti Merkel verurteilen“ wollen.

Und da geht es schon los. Er beschwert sich über Pauschalisierungen, wirft aber selber pauschal alle AfD-Wähler (denn um die ging es ja im Absatz darüber) in einen Topf. Alles Islamhasser! Und wenn man einen deutschen Vornamen, und kein Profilbild hat(vielleicht weil man keinen Sinn in dieser übersteigerten Selbstdarstellung im Internet sieht), ist man schon in einer seiner Schubladen gelandet. Pauschalisierungen, wo man hinsieht.

Stattdessen retweetet Jenny immer öfter Sarah S. Sie ist mit knapp 8.000 Followern offenbar sowas wie der Twitter-Star der Islamhasser. Sarah S. postet Links von der Jungen Freiheit sowie Zeitungsartikel von Gewalttaten, an denen vermeintlich Ausländer beteiligt sind (weil im Polizeibericht das Wort „südländisch“ auftaucht).

Ooouuuuh, die Junge Freiheit! Ein Skandal! Ich habe noch nie verstanden, was diese Zeitung eigentlich besonders „rechts“ machen soll. Aber ich habe mir das Twitter-Profil von Sarah S. mal angesehen. Sie sammelt offensichtlich Medienberichte. Zumindest überwiegend. Sie schreibt so gut wie keine eigenen Tweets, saugt sich also nichts aus den Fingern. Sie dokumentiert lediglich. Und wenn im Polizeibericht das Wort „südländisch“ auftaucht, sind die Täter keine vermeintlichen Ausländer. Es sind südländisch aussehende Männer. Egal ob sie einen deutschen Pass haben oder vor fünf Minuten einen Asylantrag gestellt haben.

Es ist der komplette Besorgtbürger-Bauchladen.

Na wie schön, dass es auch noch Unbesorgtbürger wie den Autor gibt. Menschen, die anscheinend nur von der Nasenspitze bis zum Ende der eigenen Armlänge denken. Denn wieder pauschalisiert er wild vor sich hin. Alle besorgten Bürger sind Islamhasser und Ausländerfeinde, und sie lechzen quasi geradezu nach solchen Meldungen und kosumieren sie dann in einem Happs weg, wie die Süßigkeiten aus dem Bauchladen der Kinotante. Aber macht ihn die Sammlung/der Bauchladen von Sarah S. nicht mal ein kleines Bisschen nachdenklich? Nein.

Doch Sarah S. sieht gar nicht aus wie ein besorgter Bürger. Nicht wie einer dieser Helmuts und Rüdigers, die man von Facebook kennt.

Woher will er denn wissen, wie die Helmuts und Rüdigers aussehen, wenn sie doch gar keine Profilbilder haben?

Ebensowenig die Menschen, die sie retweetet. Von den Profilbildern strahlen junge Frauen und Männer. Das einzige, was sie von der normalen Twitter-Klientel unterscheidet: Sie alle haben eine Deutschlandfahne im Profil (…)

Ich habe die Timeline von Sarah S. jetzt ziemlich weiter runter gescrollt. Ich konnte keine einzige Deutschland-Fahne sehen. Nicht EINE! Und eine „normale“ Twitter-Klientel gibt es meiner Ansicht nach gar nicht. Für mich sind da mindestens 90 % total bekloppt. Normal ist das da alles nicht. Ach und übrigens … Menschen die der Einwanderungspolitik kritisch gegenüber stehen ha-ben nicht zu strah-len! Damit das mal klar ist. Sie dürfen nur mürrisch von der Seite böse in die Linse glotzen oder Speichel spritzend rumschreien.

Ihre Tweets suggerieren, dass nahezu jede Gewalttat in Deutschland von einem „Ausländer“ verübt wird, dass jeder Flüchtling ausschließlich wirtschaftliche Absichten hat und dass der Islam generell an allem schuld ist. Dass die Medien die Situation beschönigen, dass die Regierung uns was vormacht.

Ich denke nicht, dass das suggeriert werden soll. Zumindest nicht den Leuten, denen mehr als nur ein laues Lüftchen durch die hohle Birne bläst. Es geht ja bei ihrem Twitter-Account um genau dieses Thema. Warum sollte sie also posten, wenn „Helmut“ oder „Rüdiger“ ihre Olle verkloppt haben? Oder eine Tankstelle überfallen? Dieser Twitter-Account dient ja offensichtlich nur dem Zweck zu zeigen, dass es eben KEINE Einzelfälle sind. Und genau das wird bzw. wurde von den Medien und der Politik ja lange behauptet.
Außerdem erliegt der Autor der typischen Verwechslung. Flüchtlinge flüchten vor einer Gefahr oder Bedrohung. Migranten migrieren aus unterschiedlichsten Gründen. ABER, die Migration kann auch die Flucht beinhalten. Daher wäre es passender, wenn er den Begriff des Flüchtlings in Zukunft vermeidet. Denn nicht alles, was sich im Augenblick Richtung Europa auf den Weg macht, „flüchtet“. Das zu akzeptieren fällt natürlich schwer, weil man sich dann mit dem ganzen Thema völlig anders auseinandersetzen muss – nämlich differenziert. Und das Differenzieren scheint ja nicht des Autors größte Stärke zu sein, wie wir bis hierher gesehen haben.

Einige Wochen nach G20 explodiert Jennys Twitter-Kanal. Ihr Profil hat sie inzwischen anonymisiert, private Fotos sind verschwunden. Statt ihrem echten Namen, legt Jenny sich ein Pseudonym zu.

Man kann jetzt darüber streiten, ob das besonders schlau von ihr ist. Denn wenn sie nicht erkannt werden will, weil sie vielleicht Angst um ihren Job oder vor Anzeigen hat, hätte sie besser einen komplett neuen Account angelegt. Aber das zeigt ja, wie weit in diesem Land mittlerweile die Ächtung anders Denkender geht. Menschen müssen Angst um ihren Job haben, weil sie eine bestimmte Partei wählen oder eine bestimmte politische Meinung haben. Traurig …

Doch Inhalte kommen öfter denn je. Fortan feuert Jenny nahezu im Minutentakt Retweets ab. Verwundert bin ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Denn mir ist völlig klar: Das kann nicht ernst gemeint sein. Jenny wurde gehackt. Ich schreibe sie an, um sie zu warnen.

Ja, es kann doch nicht sein, dass eine Frau im besten Alter, die immer nur Kuchen-Fotos gepostet hat, plötzlich politisch interessiert, ja sogar aktiv ist. Eine eigene Meinung hat, und dann auch noch die falsche! Da stimmt doch was nicht!

Eine Antwort von Jenny bleibt aus. Einige Tage später schreibt sie mir, weicht der Frage aber aus. Stattdessen will sie wissen, was ich von den neuen iPhone-Modellen halte. Es schreibt die moderne, aufgeschlossene Jenny, die ich kenne.

Ich ähm … !? … Kontext? Also wenn jemand über iPhones quatschen will, ist er modern und aufgeschlossen? Und das geht nicht zusammen mit einer politischen Einstellung, die den momentanen Zustand in diesem Land kritisiert? Was ist das für ein hanebüchener, an den Haaren herbeigezogener Unfug?

In den folgenden Wochen legt Jenny noch mal eine Schippe drauf. Themen wie „Kinderarmut durch Zuwanderung“, Artikel des ultrarechten „Compact-Magazins“ …

Als erstes möchte ich klarstellen, dass ich kein Compact-Leser bin. Die sind mir unsympathisch. Aber hat der Autor den genannten Artikel gelesen? Oder zitiert er nur blind Überschriften? (Übrigens ein Vorwurf, der den sogenannten Rechten immer gemacht wird.) Gibt es diesen Artikel überhaupt bei Compact? Bei Twitter? Auf deren Online-Plattform? Irgendwo? Ich habe ihn nicht finden können. Wer ihn findet, kann mir den Link gerne in die Kommentare posten. Für mich ein weiteres Indiz dafür, dass der Autor sich das alles nur ausgedacht hat.

… und immer wieder verdrehte Polizeiberichte über angeblich kriminelle „Migranten“ schmücken ihr Twitter-Profil.

Was kann man denn an Polizeiberichten „verdrehen“ wenn man einfach nur einen Link zu der Pressemeldung postet? Und warum sind diese Migranten nur angeblich kriminell, wenn die Straftat und der Täter dort ganz klar beschrieben werden? Wer verdreht hier jetzt was?

Inzwischen glaube ich nicht mehr an einen Hack. Ich bin mir sicher: Diese Tweets kommen tatsächlich von Jenny. Die glaubt das alles wirklich. Eine 30-jährige, gebildete und beruflich erfolgreiche Frau, die internationale Serien liebt, sich mit den Medien auskennt und am laufenden Band Tweets über den Untergang des Abendlandes retweeted? Was ist nur passiert?

Erst mal zum Glauben. Man kann glauben, dass am Ende des Regenbogens ein Topf voller Gold steht. Man kann glauben, dass es einen Gott gibt. Man kann alles Mögliche glauben. Was man allerdings nicht glauben kann, sind Tatsachen und Fakten. Die liegen auf dem Tisch! Und so langsam wird der Ton seiner Bekannten gegenüber auch abfälliger, nicht wahr? DIE steht aufm Markt und verkauft Äppel, sagt meine Oma immer.
Und wieder haut er zusammenhanglose Fakten in eine angebliche Argumentationskette. Weil man gebildet und beruflich erfolgreich ist, muss man unwidersprochen alles hinnehmen. Und wenn man internationale Serien guckt, muss man politisch links sein. Wer rechts ist guckt bitte nur deutsche Produktionen. Tatort? Lindenstraße? Wenn man einwanderungskritisch ist, darf man wahrscheinlich in seinem Weltbild auch keine Pizza, oder beim Thailänder essen. Dann dürften aber viele Türken ihren eigenen Döner nicht mehr essen. Sprich mal die Türken in Duisburg auf Rumänen und Bulgaren an. Uiuiui … Wie auch immer. Zumindest wirft sich unweigerlich die Frage auf, wer denn hier eigentlich ein total eingeschränktes und verdrehtes Weltbild hat.

Und in den nächsten Absätzen wird Jenny dann gestalkt und bei ihren Bekannten schlecht gemacht, indem man die Diffamierung mit „Sorge“ übermalt. Damit auch wirklich jeder weiß, dass Jenny jetzt „rechts“ ist. Stasi lässt grüßen. Wie durchschaubar …

 

Die Zeiten, in denen Nazis Springerstiefel und Glatzen trugen, sind immerhin schon lange vorbei. Stattdessen arbeiten sie mit neuen Tricks.

Ich weiß ja nicht, wie alt der Autor ist, aber diese „Zeiten“ hat es nur ganz kurz gegeben. Die meisten Nazis trugen Anzüge und saßen im Bundestag. Und ansonsten gab es in Deutschland nach 1945 keine ernst zu nehmenden Nazis. Die paar Spinner, die mit den üblichen Fahnen, Zeichen und Klamotten durch die Randbezirke der Großstädte marschierten, waren niemals eine ernst zu nehmende Bedrohung für die deutsche Gesellschaft. Und diese Spinner sind nicht die Väter der heutigen „Identitären Bewegung“. Daher ist das auch kein neuer Trick einer alten, rechtsradikalen, in der Versenkung seiner eigenen Bedeutungslosigkeit verschwundenen Szene.

Jennys Worte lassen mich ebenso verwirrt zurück, wie schon ihre Tweets in den vergangenen Monaten. Was für ein Geschwurbel. Reflexartig antworte ich …

Nur, weil das in seiner, wie er selbst sagt, bunten Filterblase nicht vorkommt, ist das noch lange kein Geschwurbel. Aber auch hier sieht man wieder schön, wer hier wirklich in Schubladen denkt.

Äh, okay. Ich verstehe, wenn man dem Thema Einwanderung kritisch gegenüber steht. Aber die Frage ist doch, wie man das diskutiert. Glaubst du wirklich, der Oma vom Zahnarzt geht es WEGEN der Flüchtlinge schlecht?

Nein, das glaubt sie nicht. Und das sagt sie auch nicht. Das sagt niemand. Der Oma beim Zahnarzt geht es schlecht, weil die Menschen in diesem Land über Jahrzehnte von der Politik verarscht wurden. Und die Frage über Gerechtigkeit muss man in diesem Zusammenhang schon diskutieren. Denn wie ist es zu erklären, dass der „schon länger hier Lebende“ immer nur zahlt und zahlt und wenn er mal in Not gerät, wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt wird? Während für andere, die plötzlich in Not geraten, Geld ohne Ende da ist? Für die Oma beim Zahnarzt ist es sicher schwer, das zu verstehen. Und auch ich habe damit so meine Probleme. Ich gehe arbeiten, zahle Steuern, zahle Sozialabgaben und bin mir bewusst, dass ich das nicht nur für mich, sondern für die Solidargemeinschaft tue. Und ich MÖCHTE, dass anderen, denen es nicht so gut geht, mit meinem Geld geholfen wird. Ich mag das System der Solidargemeinschaft. Sicher gibt es immer den ein oder anderen Menschen, der sich auf diesem System ausruht. Aber das muss so ein System aushalten können. Genauso, wie eine Demokratie Spinner aushalten können muss. ABER: Dieses System kann NICHT funktionieren, wenn es ungerecht angewendet wird. Ob Deutschland reich genug ist, sich diese ganze Zuwanderung leisten zu können, kann ich nicht beurteilen. Doch das ist auch nicht der eigentliche Kern. Das Problem ist, das Menschen, die wie ich, gerne bezahlen um anderen zu helfen, es nicht einsehen, jetzt noch mehr zu bezahlen, damit andere, die nie eingezahlt haben, die mit dieser Solidargemeinschaft überhaupt nichts zu tun haben, plötzlich mein Geld ausgeben und mich dann auch noch dafür als „deutsche Hure“ beschimpfen. Und das ist weder ein Einzelfall noch neu. Diese Beschimpfungen durfte ich mir schon vor 25 oder 30 Jahren anhören. In der Schule. Auf U-Bahnhöfen. Im Bowlingcenter. In der Innenstadt beim Shoppen. Nur weil die Jungs das manchmal auf Arabisch oder Türkisch hinterhergeschrien haben, heißt das nicht, dass ich es nicht verstanden hätte. Aber ich komme vom Thema ab …

All diese Verschwörungsseiten, die du retweetest, arbeiten mit plumpem Whataboutism um die einen gegen die anderen aufzuhetzen. Da ist doch überhaupt kein Diskurs erkennbar. Durch das Retweeten von „Einzelfallinfos“ und Co. wird einfach mal JEDER über den Kamm geschert, der nur ein bisschen südländisch aussieht. Ich weiß nicht, ob das der richtige Umgang mit dem Thema ist.

Okay, Verschwörungsseiten … all diese vielen, vielen Verschwörungsseiten. Welche denn genau? Mondlandung? 9/11? Reptiloide? Flache Erde? Oder sind die Polizeimeldungen auf presseportal.de jetzt etwa auch schon Verschwörungen? Oder die Berichte auf diversen Zeitungsportalen wie Spiegel, FAZ usw. Alles Verschwörungsseiten? Okay, bei Jenny mischen sich ab und an auch mal Links zu alternativen Medien in die Timeline. Aber die Formulierung „all diese“ ist hier wohl fehl am Platz.
Die Kritik an der Einwanderungspolitik ist übrigens keine Verschwörung – sie ist real! Aber Hauptsache, man hat in einem Artikel mit solchem Inhalt nochmal das Wort Verschwörung installiert. Lächerlich …

Whataboutism … wow … das musste ich erst mal googlen. Gut, das Wort kann man in der Sache anbringen, muss man aber nicht. „Die Rechten“ zeigen nämlich nicht auf andere, um von ihren eigenen „Taten“ abzulenken. Denn eigentlich tun sie, außer Kritik üben, nichts. Sie beschmieren keine Häuserwände mit dem Wort „Nazi“, sie versuchen nicht, Veranstaltungen von „Rechten“ zu verhindern, sie zünden keine Autos von AfD-Mitgliedern an usw. usw. Und die letzten brennenden Asylbewerbereinrichtungen wurden von den Bewohnern selbst angezündet, weil sie „nicht genehm“ waren oder falsche Leute zum falschen Zeitpunkt etwas gegessen haben. Der Autor sollte vielleicht mal ganz tief in sich gehen und sich fragen, WER hier unter „whataboutism“ leidet.

Und das mit dem „über einen Kamm scheren“ ist ein Thema für sich. Ich habe eine Menge Freunde und Bekannte mit Migrationshintergrund. Türkisch, Griechisch, Italienisch, Kurdisch – ist alles dabei. Manche haben einen deutschen Pass, manche nicht. Aber in einem sind sich alle einig. Diese Migrationsdesaster muss ein Ende haben. Denn diese Menschen haben jetzt zwei Probleme. Sie werden von der biodeutschen Bevölkerung mit ängstlichen oder abwertenden Augen angesehen und vielleicht sogar in manchen Situationen benachteiligt oder beleidigt. Gleichzeitig werden sie aber von irgendwelchen völlig fremden Migranten mit „Bruder“ angelabert. Und der Italiener, der ja nun mal nicht nur Europäer sondern auch noch meistens Christ ist, möchte sich nicht von irgendeinem Gesindel schief angucken oder sogar beschimpfen lassen, weil er sich ’ne Bratwurst holt. DIESE „neuen Mitbürger“ scheren nämlich alles was schwarze Haare hat über einen Kamm. So sieht’s aus. Und WEHE man lässt durchblitzen, dass man Jude ist. Dann ist der Ofen ganz aus. Und das alles ist NICHT rassistisch?

Ich frage Jenny noch mal nach dem Grund für ihren Sinneswandel. Wie kann jemand, der früher sogar für Flüchtlinge spendete, sich so enorm in die andere Richtung bewegen? Sind es wirklich Vorfälle mit Flüchtlingen in ihrem Freundeskreis gewesen? Oder ist es nur die Meinung über Flüchtlinge in ihrem Freundeskreis? Eine Antwort bleibt mir Jenny bis heute schuldig.

Von mir hätte er auch keine Antwort mehr bekommen. Wenn sie doch schon erklärt hat, wie ihre Einstellung zustande kam, warum sollte sie das nochmal tun? Anhand der Fragen, die sich der Autor hier erneut stellt, kann man wohl sehen, dass sein Kurzzeitgedächtnis nicht besonders gut funktioniert. Wie auch immer …

Am Ende bleiben viele offene Fragen. Soll ich das, was Jenny macht, verurteilen – oder mich gar drüber lustig machen? Ist das einfach nur eine Meinung, die man aushalten muss? (…) Soll ich mich überhaupt ernsthaft damit auseinandersetzten? Muss man ihr helfen?

Moooaaah ey, bei was denn helfen? Ist sie krank? Hat sie ein Leiden, das behandelt werden muss? Oder was!? Ich habe selten etwas Überheblicheres gehört. Und ja, natürlich ist das eine Meinung, die man aushalten muss. Mehr noch. Wenn es den Autor wirklich interessiert hätte, was in dieser Jenny vor sich geht, hätte er ihre Begründungen nicht einfach überhört sondern sich damit auseinander gesetzt. Aber nö, er fragt sich das lieber selber nochmal.

Soll ich mit anderen darüber reden?

Ja, aber nicht mit den Menschen aus der eigenen Filterblase.

Soll ich es einfach ignorieren und zulassen, wie rechtes Gedankengut jetzt selbst in meinem Bekanntenkreis als „salonfähig“ gilt? Ist das, was Jenny schreibt, überhaupt rechtes Gedankengut?

Jein, kommt auf den Blickwinkel an. Aber rechts ist nicht gleich rechtsradikal. Die CDU und besonders die kleine Schwester CSU waren über Jahrzehnte rechts. Und „rechtes Gedankengut“ ist in diesem Fall eine polemische Plattitüde. Denn rechtes Gedankengut sind für mich Aussagen wie „Juden ins Gas“ oder „Ausländer raus“. Und derartige Äußerungen konnte ich in Jennys Timeline nicht entdecken.

Oder ist das nur ein bisschen derbe Kritik? Ist nicht eigentlich genau das die Taktik der Rechten? Übelsten Rassismus als legitime Meinung zu verpacken und sich dann in die Opferrolle zu bringen, wenn man sie dafür kritisiert?

Man muss schon zwischen berechtigter Kritik und haltlosen Anschuldigungen unterscheiden. Beispiel: Wenn jemand darauf aufmerksam macht, dass unter Menschen mit Migrationshintergrund, bevorzugt aus muslimischen Gruppen, überdurchschnittlich viele Straftaten begangen werden (was ja mittlerweile über die Kriminalstatistik bewiesen ist), dann ist das ein Zustand, über den man sprechen muss. Das kann man nicht einfach wegphantasieren. Und wenn man es kritisiert, dass die Politik und die Medien dabei lange zu- und aber auch weggesehen haben (denn diese Entwicklung zeichnet sich nicht erst seit 2015 ab), dann ist das kein Rassismus. Und es gibt in diesem Fall keine Opferrolle, in die es sich zu bringen gilt, um seine Kritik durch eine erfundene Hintertür zu schieben. Die Menschen, die hier vom Autor beschrieben werden, üben ihre Kritik offen und laut. Und nur wer sie beschimpft und verunglimpft, MACHT sie zu Opfern. Wenn ich das Wort Opferrolle schon höre …. rollen sich mir die Fußnägel auf.

Gehört es nicht eigentlich zur Zivilcourage, genau das zu benennen und dagegen vorzugehen?

Würde es nicht auch zur Zivilcourage gehören, Menschen, die Frauen verachten und Juden hassen wie die Pest, mal in ihre Schranken zu weisen und laut zu sagen „das geht in diesem Land so nicht“? Und ich rede hier, das möchte ich ausdrücklich betonen, nicht von „allen Moslems“. Ich rede von den Menschen, die genau das tun, nämlich Frauen verachten und Juden hassen. Wenn da zwischen diesen Menschen und dem muslimischen Glauben eine Kausalität bestehen sollte, und ich sage ausdrücklich SOLLTE, dann ist das etwas, worüber die Zivilgesellschaft mit ihrer Zivilcourage diskutieren muss. Aber man kann doch da nicht einfach wegsehen oder es gar mit „kultureller Identität“ verharmlosen. Denn wenn man schon Zivilcourage üben will, dann doch bitte nicht mit zweierlei Maß.

Auf Twitter, in ihrem ganz eigenen Paralleluniversum, retweeted Jenny nur wenige Stunden danach einen Tweet des AfD-Politikers Harald Laatsch. Darin heißt es: „Merkel trifft nicht: Die Angehörigen der Opfer vom Breidscheidplatz. Stattdessen trifft sie die Frau von Deutschlandhasser Deniz Yücel.“

Die abfällige Bemerkung über das Paralleluniversum lasse ich jetzt einfach mal außen vor. Denn für jemanden, der von außen auf ein ganzes Universum guckt, ist es sicher schwer zu verstehen, dass es außer seiner Welt auch noch eine andere gibt. Aber was ist an dem Tweet von Herrn Laatsch jetzt so verwerflich? Natürlich ist das überspitzt. Aber dass hier Opfer mit zweierlei Maß betrauert werden, ist nicht nur die Meinung von Herrn Laatsch. Dazu haben sich auch schon andere vor viel längerer Zeit geäußert:

Der Tagesspiegel

(…)
Doch während die Opfer aus Italien, Polen und Israel öffentlich und auch von den jeweiligen Regierungsvertretern betrauert und damit geehrt werden, bleiben die deutschen Betroffenen bislang weitgehend unbekannt. Es gibt keine Auskünfte über sie, aber auch keine Bilder, etwa von Besuchen des Regierenden Bürgermeisters oder der Bundeskanzlerin bei Verletzten im Krankenhaus. Es gibt offenbar auch keine Pläne für eine Gedenkveranstaltung oder auch nur eine Schweigeminute wie zu anderen Anlässen.
(…)

Der Cicero

(…)
Wer sah und hörte und roch, wie neben ihm Knochen zerbersten, Haut platzt, Blut spritzt, der bleibt gezeichnet fürs Leben. Ihnen allen sagen Staat und Staatsregierung: Persönlich bedauerlich, tragisch, schlimm, aber damit müsst ihr alleine fertig werdern. Wie anders ist zu erklären, dass die Bundesregierung nach dem Attentat in der Bundeshauptstadt zu keinem öffentlichen Gedenken bereit war? Dass die Staatsspitze es bei der stummen Teilnahme am Gedenkgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am 20. Dezember bewenden lässt?
(…)

Und wer Suchmaschinen bedienen kann, findet noch mehr davon.
Das ist wie der Affentanz mit der Beleuchtung vom Brandenburger Tor. Irgendwo wird ein Anschlag verübt – zack – Fahne vom Land am Tor. Findet ein Anschlag in Russland statt – zack – Ausreden. Aber ich komme schon wieder vom Thema ab.

Ich gehe auf Jennys Profil, drücke auf „entfolgen“ und schließe ratlos den Browser. Vielleicht bringt mich eine Folge „Game of Thrones“ auf andere Gedanken.

Zum Schluss dann nochmal ein Paradebeispiel an Ignoranz und Überheblichkeit. „Weiche aus meinem Leben, du unbequemer Mensch. Scheißegal, ob ich dich mal nett fand. Mit sowas beschäftige ich mich nicht.“ Und dann schnell die Gehirnerweichungsmaschine einschalten. Obwohl ich zugeben muss … ich bin auch ein ganz großer GoT-Fan. Huch!?

Meine Meinung ist, dass solche Twitter-Accounts, wie der vom Autor beschriebene und pauschales Herumgebashe auf Migranten natürlich niemanden weiter bringen. Und dass dadurch natürlich gegensätzliche Positionen nur noch verstärkt und Gräben tiefer werden. Aber die linke Seite der politischen Gesellschaft ist da auch nicht viel schlauer. Die hauen genauso blind auf allem rum. Aber ich gleite in Whataboutism (tolles Wort) ab. Die Menschen, die „plötzlich“ solche Twitter-Accounts haben, sind einfach sauer. Auf Vieles. Und wenn man sauer ist, trifft man schon mal nicht ganz den richtigen Ton. Oder verrennt sich in etwas. Aber die Menschen sind nicht grundlos sauer. Und DAS ist der Punkt, der diskutiert werden müsste. Macht man aber nicht. Schade …

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