Warum wir einen Fachkräftemangel haben

Ich sag’s ganz kurz und schmerzlos. Wegen der Stellenanzeigen. So, jetzt ist das Pflaster ab. Was ich in den letzten zwei Jahren an Stellenanzeigen gelesen habe, geht auf keine Kuhhaut und ist teilweise, gelinde gesagt, eine Zumutung. Stellenanzeigen in papierbedruckten Zeitungen sind ja mittweile eher die Ausnahme als die Regel. Daher beziehe ich mich im folgenden Text ausschließlich auf die elektronische Version.

 

Der Gesamtaufbau
Die meisten Stellenanzeigen sind nach einem bestimmten Muster aufgebaut. Eingefügt in die Gesamtgestaltung, die meist auf der CI des Unternehmens beruht, stellt sich der Arbeitgeber erst mal vor. Dann wird die Bezeichnung der zu besetzenden Stellen genannt. Danach wird das Aufgabenprofil in Fließtext oder Aufzählungsform beschrieben. Darauf folgt eine Liste der Anforderungen und zum Schluss kommen noch die Goodies und Kontaktdaten. Gehen wir das Schritt für Schritt durch.

Das Unternehmensprofil
Natürlich ist es sinnvoll, kurz die Umrisse des Unternehmens bzw. der Firma zu zeichnen. Was ist der Unternehmenszweck? Welcher Branche gehört es an? Wie steht es am Markt? Der Bewerber sollte schon wissen, ob er sich bei einer kleinen Handwerkerbude oder bei einem internationalen Konzern bewirbt (was keine Wertung darstellen soll – in beide Richtungen). Was er aber nicht wissen muss, ist die komplette Unternehmensgeschichte. Und da machen eher die großen, als die kleinen Firmen den Fehler, den ersten Absatz so lang zu gestalten, dass man als Bewerber nach ungefähr fünf Sätzen schon nur noch „Lorem ipsum dolor sit amet, ei eos denique aliquando …“ liest. Die Gefahr besteht, dass man überhaupt nicht weiter liest. Liebe Arbeitgeber, wir schreiben das Jahr 2017. Glaubt Ihr nicht, dass wenn ein Bewerber in der Lage ist, in einem elektronischen Stellenmarkt Eure Stellenanzeige aufzurufen, dann nicht auch in der Lage ist, Euren Internetauftritt zu besuchen, wenn er tiefere Informationen zum Unternehmensprofil wünscht? Denkt mal kurz nach …

Bezeichnung der ausgeschriebenen Stelle
Das ist ein wahres Abenteuer. Mittlerweile bin ich sogar der Meinung, dass man sich das lieber ganz sparen sollte. Denn oft verwirrt es den Bewerber mehr, als es ihm hilft, sich darin wieder zu finden. Früher gab es mal „Berufe“, die konnte man erlernen. Bäcker, Maurer, Klempner, Schreiner, Mechaniker oder Verkäufer zum Beispiel. Heute gibt es Sales Consultans, Key Account Manager, Customer Success Manager, Sales Support Manager, Solution Architects, System Engineers. Es wird nur consultet, gemanaget und gecaret. Wer macht eigentlich die richtige Arbeit? Wie auch immer. Es ist nicht leicht, sich im Dschungel der Berufsbezeichnungen zurecht zu finden. Oft hat der Titel der ausgeschriebenen Stelle wenig mit dem tatsächlichem Tätigkeitsprofil zu tun. Und so muss man sich als Bewerber stundenlang durch Stellenanzeigen quälen, die einen überhaupt nicht betreffen. Aber viel schlimmer noch ist, dass durch diesen Blödsinn auch Stellen nicht gefunden werden, auf die der Bewerber vielleicht perfekt gepasst hätte. Im Zeitalter der Digitalisierung gibt es da sicher bessere Lösungen.

Das Aufgabenprofil
Sie verantworten … Aufgabenschwerpunkte … Ihre Aufgaben … Was Sie bei uns machen …
Man kennt das. Mal in Fließtext, mal in Aufzählungsform wird dem Bewerber zu vermitteln versucht, was demnächst sein Job sein könnte. Das ist der eigentliche Kern einer Stellenanzeige. Denn darauf kommt es an. Darum ist es traurig, dass dieser Teil oft so stiefmütterlich behandelt wird. In manchen Stellenanzeigen ist der Teil so umfangreich, dass man sich als Bewerber denkt, „Ah, man sucht eine Eier legende Wollmilchsau“. Manchmal ist dieser Teil vier Punkte lang, und wenn man dann im Vorstellungsgespräch sitzt, kommt man sich etwas verarscht vor. Oder noch schlimmer: Man bekommt den Job und bekommt nach zwei Wochen erst mal 20 vorher nicht erwähnte Zusatzaufgaben, „die ja im weitesten Sinne auch zum Aufgabenbereich gehören.“ Aber gut, da kann ja die Stellenanzeige an sich nichts für.

Das Anforderungsprofil
Darüber wird ja viel gelästert. Angeblich werden nur noch 20jährige mit 10 Jahren Berufserfahrung und abgeschlossenem Studium (natürlich mit Bestnote) gesucht, die für Dreieurofuffzich die Stunde arbeiten. Naja, als ganz so schlimm empfinde ich persönlich es jetzt nicht. Aber in diesen Anforderungsprofilen tut sich schon der ein oder andere Abgrund auf, über den man als Bewerber einfach nicht hinweg kommt, oder glaubt, es nicht zu können. Da ich nicht im gewerblich-handwerklichen sondern im kaufmännischen Umfeld zuhause bin, nehme ich mir diesen Bereich jetzt auch mal als Beispiel.
Das erste Schlagwort lautet Office-Paket. IMMER! Wahrscheinlich weiß nicht einmal ein Drittel der Menschen, die eine solche Stellenanzeigen formulieren, was überhaupt alles zum Office-Paket dazu gehört und wie viele unterschiedliche Office-Pakete es eigentlich gibt. Aber gut, die meisten Bewerber wissen es wahrscheinlich auch nicht. Der Konsens der Ahnungslosen sozusagen.
Aber jetzt kommen die branchen- und herstellerspezifischen Programme. Da werden Namen von Software genannt, die noch nie ein Mensch gehört hat. Aber die soll man „sicher beherrschen“. Da fühlen sich sicher totaaal viele Bewerber angesprochen.
Dann werden oft auch Fremdsprachenkenntnisse gefordert, die bestenfalls zwei Mal im Jahr zum Einsatz kommen. Vorzugsweise in der englischen Sprache und in Wort UND Schrift, bitteschön.
Und wenn man dann als Bewerber immer noch in dem Glauben ist, dass man für diese Stelle geeignet sei und eine Bewerbung sich lohnen könnte, muss man noch das ganze Geschwafel von allen möglichen „Keiten“ (soft skills, wie der Personaler sagt) über sich ergehen lassen. Zuverlässigkeit, Selbständigkeit, Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Sorgfältigkeit, Schnelligkeit. Und natürlich auch noch der ganze Rest von überflüssigen Formulierungen wie, Flexibilität, Spaß am Umgang mit Menschen, unternehmerisches und/oder analytisches Denken, gutes Ausdrucksvermögen, Verantwortungsbewusstsein, ein sicheres und freundliches Auftreten. Oh man ey … puuuh … Ob irgendein Bewerber das liest und sich denkt, „Oh ne, das ist nichts für mich. Ich bin ja total unfreundlich, hasse Menschen und eine Schlampe noch dazu. Ne, da bewerbe ich mich mal lieber nicht.“ Was SOLL der ganze Unsinn? In der Nahrungsmittelindustrie nennt man so etwas Füllstoffe.

Die Goodies
Am Ende einer jeden Stellenanzeige möchte der Arbeitgeber nochmal unterstreichen, was für ein toller Hecht er bzw. sein Unternehmen ist und was es alles für Vorteile bietet, wenn man dort arbeitet. Bisher habe ich dort aber selten irgendetwas gesehen, das wirklich von MEHRwert für einen Bewerber wäre. Da wird von leistungsgerechter Vergütung gefaselt, von internationalen Umfeldern, von nicht näher definierten Sozialleistungen, von einem netten Team, von umfassender Einarbeitung. Und tatsächlich werden da auch Vorteile genannt, die für den Arbeitnehmer ganz schnell zum Nachteil werden können. Vertrauensarbeitszeit zum Beispiel.
Was für den Bewerber aber wirklich interessant wäre, steht dort so gut wie nie! Gibt es Urlaubs- und Weihnachtsgeld? Habt ihre eine Kinderbetreuung? Zahlt ihr nach Tarif? Wenn ja, nach welchem? In welcher Tarifgruppe wird die Stelle eingruppiert? Wie sieht euer Betriebsrentenkonzept aus? Habt ihr überhaupt eins?
Wenn man von Anfang an in der Stellenanzeige sagen würde, wie hoch das Gehalt sein wird, könnte man sich den Stapel „zu teuer“ beim Aussortieren der Bewerber sparen. Und der Bewerber könnte sich die Zeit für die Bewerbung sparen. Eine Win-Win-Situation! Ab nö, über Geld spricht man ja nicht. Da haben es die Jobsuchenden im ÖD schon leichter. Da steht in jeder Stellenanzeige, wie die Stelle eingruppiert wird. Dann braucht der Bewerber nur noch in die Tariftabellen gucken und weiß genau, ob er sich darauf einlassen möchte oder nicht.

Die Kontaktdaten
Also ich weiß ja nicht, was manche Personaler sich so wünschen, aber in einem Bewerbungsanschreiben gilt noch immer die einfache Form des Geschäftsbriefs. Und dieser enthält unter anderem die Anschrift des Empfängers mit der korrekten Firmierung des Unternehmens. Immer öfter wollen die Unternehmen, dass man die Bewerbung über ihr schickes, total überdimensioniertes Bewerbungsportal einreicht (wo man dann alles, was man zuvor mühsam in seinen Lebenslauf getippt hat, nochmal abtippen darf). Dazu gehört aber trotzdem noch ein Bewerbungsanschreiben. Und wenn man in der Stellenanzeige (oder sonstwo auf der Internetseite des Unternehmens) weder eine vernünftige Adresse noch einen Ansprechpartner nennt, ist das höchst unprofessionell. Nur weil man keine Bewerbungsmappe mehr irgendwo hin per Post schickt, heißt das nicht, dass der Bewerber die Anschrift nicht wissen muss. Und Außerdem ist die Anschrift vielleicht auch sonst nicht ganz unwichtig. Wenn der Arbeitsort in einer Innenstadt ist, muss man vielleicht vorher schon abwägen, ob man lieber mit dem Auto oder mit dem ÖPNV anreist. Was auch immer der Grund ist, dass die Angabe der Anschrift in Stellenanzeigen immer öfter fehlt – gewöht Euch das wieder ab.

Also liebe Arbeitgeber. So wird das nichts mit den Fachkräften – nicht mit solchen Stellenanzeigen.
Und noch ein Tipp für die Damen und Herren aus der Zuhälterei dem Personaldienstleistungsgewerbe: Kennzeichnet Eure Stellenanzeigen in den Jobbörsen bitte mit dem Tag „Personaldienstleistung“. Denn es gibt tatsächlich Bewerber, die für solche Firmen nicht arbeiten möchten, weil sie es nicht nötig haben. Das sind die sogenannten Fachkräfte. Schon mal gehört? Wenn sich Menschen, die auf der Suche nach einem richtigen Job sind, erst mal durch hunderte Stellenanzeigen von Sklavenhaltern scrollen müssen, gehen die wirklich guten Jobs irgendwie unter.

Gutes Recruiting wünscht
Eure Jenny

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