Deutschland ist Panem

Für den Fall, dass dieser Blog in 1.000 Jahren gefunden wird, und der Leser nicht weiß was Panem ist, folgt jetzt eine kurze Erklärung.
Panem ist ein fiktives Land aus einer Romanreihe. In einer fiktiven Welt gibt es 13 sogenannte Distrikte (analog Bundesländer). Distrikt 1 ist das Capitol, quasi die Regierung, die von Präsident Snow angeführt wird. Die Distrikte 2-12 müssen jedes Jahr je ein männliches und weibliches Tribut (also einen Menschen) für die sogenannten Hungerspiele entsenden. Distrikt 13 hatte sich vor vielen Jahren mal gegen das Capitol aufgelehnt und wurde zerbombt. Daher nimmt man an, dass in Distrikt 13 niemand mehr lebt. Die Hungerspiele sind eine Art moderner Gladiatorenkampf. Dort kämpfen die 10 Männer/Jungen und die 10 Frauen/Mädchen auf Leben und Tod gegeneinander. Am Ende kann es nur einen Sieger geben. Doch die Hungerspiele sind ein gewaltiges Spektakel, welches nur davon ablenken soll, dass die Menschen in Sklaverei und Hunger leben. Dass sie nur dem Zweck dienen, dem Capitol zu einem Leben in Saus und Braus zu verhelfen und dabei selber leer ausgehen.

In der Geschichte von Panem läuft es dann am Ende auf einen Bürgerkrieg hinaus. Und ganz zum Schluss fällt das Capitol und Präsident Snow wird seiner gerechten Strafe zugeführt.

Um den Vergleich mit der BRD (oder jedem anderen beliebigen Land dieser Erde) ziehen zu können, sollte man die Filme allerdings gesehen haben. Oder die Bücher gelesen haben. Denn sonst gehen die ganzen hübschen Details unter, die immer wieder Parallelen zu unserem heutigen Leben aufzeigen. Ob das von der Buchautorin ursprünglich auch so gewollt war, kann ich nicht beurteilen. Aber ich finde die Verbindungen zur Realität schon sehr auffällig. Die Gesellschaftskritik dieser Gesichte springt förmlich aus dem Fernseher bzw. aus den Büchern heraus. Ich lese jeden Tag viel „Zeitung“ im Internet. Und was sich da für ein Gesamtbild zeigt, ist kaum noch auszuhalten. Erst vor ein paar Tagen kam dieses Statement der sogenannten Wirtschaftsweisen:

Firmen, die in unserer neuen digitalisierten Welt bestehen wollen, müssen agil sein und schnell ihre Teams zusammenrufen können. Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, ist veraltet.

Der Arbeitnehmerschutz in Deutschland hat sich bewährt, aber er ist teilweise nicht mehr für unsere digitalisierte Arbeitswelt geeignet. So brauchen Unternehmen beispielsweise Sicherheit, dass sie nicht gesetzwidrig handeln, wenn ein Angestellter abends noch an einer Telefonkonferenz teilnimmt und dann morgens beim Frühstück seine Mails liest. Dies würde nicht nur den Firmen helfen, sondern auch den Mitarbeitern, die mit der digitalen Technik flexibler arbeiten können.

Eine Reform des Arbeitszeitgesetzes steht auf der Agenda der derzeitigen Sondierungsgespräche für eine mögliche Jamaika-Koalition. Das Gesetz zieht (momentan noch) drei wichtige Grenzen für die Arbeitsbelastung von Angestellten: Sie dürfen an sechs Arbeitstagen in der Woche insgesamt nicht mehr als 48 Stunden arbeiten, ein Arbeitstag darf höchstens acht Stunden haben, und zwischen dem Ende des Arbeitstags und dem Beginn des nächsten muss eine Ruhezeit von mindestens elf Stunden liegen.

Die Arbeitgeber fordern seit Längerem eine Lockerung der Regeln, die sie für nicht mehr zeitgemäß halten: Die tägliche Arbeitszeit soll nicht mehr auf acht Stunden begrenzt werden, stattdessen solle nur noch die bestehende maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden gelten. Auch die Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen soll von elf auf neun Stunden verkürzt werden.

Ist das nicht schön? Ich könnte im Kreis kotzen, ehrlich! Was könnte das bedeuten? Nun, es könnte Folgendes bedeuten:

  • 06:00: Lesen der E-Mails beim Frühstück
  • 06:30: Duschen, Anziehen, fertig machen, zur Arbeit fahren
  • 08:00: Ankunft in der Firma
  • 17:00 Verlassen der Firma
  • 19:30 Ankunft Zuhause (zwischendurch noch Einkaufen gewesen)
  • 19:45 Telefonkonferenz über Skype mit San Francisco
  • 21:00 Feierabend

06:00 – 06:30 = 30 Minuten
08:00 – 17:00 = 8 Std. 30 Minuten (30 Minuten Pause)
19:45 – 21:00 = 1 Std. 15 Minuten
Gesamtarbeitszeit: 10 Stunden und 15 Minuten
Zeit bis zum nächsten Arbeitsbeginn: 9 Stunden (wie von den AG gewünscht)
Freizeit, mit der man auch etwas anfangen kann: 0

Denn was bei der „Empfehlung“ der Wirtschaftsweisen völlig außer Acht gelassen wird, ist die Zeit, die mittlerweile fast jeder Arbeitnehmer auf deutschen Straßen und Autobahnen oder in Zügen und Bussen verbringt. Das zählt nämlich zur Freizeit. Wenn ich jeden Tag ein oder zwei Stunden für meinen Arbeitsweg abziehe, bleibt da nicht mehr viel Freizeit, mit der ich auch etwas anfangen kann.

Das Leben soll sich komplett der Arbeit unterordnen. Alles muss sich nach den Konzernen und Firmen und ihren geldgierigen Vorständen und Aktionären richten. Das Volk ist nur noch dazu da, um den Herrschaften im Capitol ein schönes Leben zu ermöglichen. Was einmal als eine gute Idee begann, nämlich die Aktiengesellschaft, ist zu einer Versklavungsmaschine verkommen. Denn die dient einzig und allein dem Zweck, Vorstände und Aktionäre zufrieden zu stellen, damit auch bloß die Aktienwerte nicht sinken. Alle müssen nur noch funktionieren. Warum sonst hat unsere Gesellschaft so etwas wie eine Berufsunfähigkeitsversicherung erschaffen?

Und wenn es wenigstens noch so wäre, dass die Firmen ihre Mitarbeiter als größtes Kapital sehen und sie auch dementsprechend bezahlen würden. Aber nein. Die Personalkosten sind immer das, was als erstes in Augenschein genommen wird, wenn die Wirtschaftsprüfer wie die Heuschrecken über ein Unternehmen herfallen. Und die Personalkosten sind auch immer das Einzige, an dem gespart werden muss. Und das Einzige, über das bei Sparmaßnahmen diskutiert wird. Denn die sollten maximal einen bestimmten Prozentsatz in der Bilanz ausweisen. Übersteigen die Personalkosten diesen Prozentsatz, wird das Unternehmen gerügt. Dann ist es unwirtschaftlich – auch wenn die Zahlen in ihrer Gesamtheit noch so toll sind. Dann heißt es, das sei nicht „Benchmark“. Wenn ich das Wort schon höre, setzt schlagartig Migräne ein …

Wusstet Ihr übrigens, dass Unternehmen, die Zeitarbeitspersonal in Anspruch nehmen, die Kosten für eben dieses Personal nicht in ihre Personalkosten mit einrechnen? Sie laufen zusammen mit anderen Kosten, wie zum Beispiel die Anschaffung einer Maschine oder eines Schreibtisches. Da stellt sich doch die Frage, warum die Zeitarbeit sich gerade bei großen Unternehmen immer höherer Beliebtheit erfreut, gar nicht mehr. Und der Mensch, der über die Zeitarbeitsfirma beschäftigt wird, ist nicht mehr als ein „Betriebsmittel“. Das ist ja nicht nur ein Eldorado für die Flexibilität eines Unternehmens, sondern auch für die Bilanz im Bezug auf Personalkosten. So kann man prima hunderte von Menschen beschäftigen, die den ach so wichtigen Prozentsatz der Personalkosten gar nicht mehr berühren. Und wenn man diese Menschen nicht mehr braucht weil „die Auftragsspitze abgefangen wurde“, werden sie entsorgt, wie ein alter Schreibtisch. Und weil die Zeitarbeitsfirma kein Interesse daran hat, jemanden zu bezahlen, der nicht arbeitet, wird dieser Mensch in den nächsten Einsatz bei der nächsten bilanzgeilen AG gedrängt. Oder er wird „in den Arbeitsmarkt entlassen“ weil man die Länge der Befristung im Arbeitsvertrag passender Weise an die Einsatzlänge im Unternehmen gekoppelt hat.

Erlasst mal lieber ein Gesetz, in dem vorgeschrieben wird, dass Unternehmen die Kosten für Zeitarbeitspersonal in ihren Personalkosten ausweisen müssen. Dann hört das nämlich von ganz alleine auf. Ich stelle mal eine kleine Rechnung aus einem Equal-Pay-Betrieb auf.

Der Arbeitnehmer von der Zeitarbeitsfirma bekommt 2.500 EUR brutto (was schon utopisch ist, kommt aber manchmal vor). Die Personalkosten für den Arbeitgeber würden sich in dem Fall auf ca. 3.000 EUR belaufen. Die Zeitarbeitsfirma stellt für einen solchen Mitarbeiter aber zwischen 4.500 und 5.000 EUR in Rechnung, je nach Vereinbarung und Zeitarbeitsfirma. Darauf lässt sich ein Unternehmen nur aus zwei Gründen ein:

  1. Man kann den Zeitarbeiter unkompliziert wieder entsorgen, wenn man ihn nicht mehr braucht.
  2. Die Kosten tauchen nicht in den Personalkosten auf.

Würde man diesen Menschen direkt im Unternehmen beschäftigen, hätte man weniger Kosten. Würde man ihn (wie früher üblich) mit einem befristeten Vertrag einstellen, hätte man das Problem des Nicht-wieder-Loswerdens auch nicht. Aber die Gefahr ist einfach zu groß, dass sich der befristet beschäftigte Mitarbeiter doch irgendwie ins Unternehmen klagt. Und solange die Kosten für Zeitarbeiter nicht als Personalkosten in der Bilanz ausgewiesen werden müssen, wird sich an der Massenindustrie der Zeitarbeit auch nichts ändern.

Aber das alles reicht ja noch nicht. Es ist immer noch nicht genug. Es muss immer mehr und mehr und mehr Profit gemacht werden. Und weil man ja so international unterwegs ist, und die Uhr rund um den Globus tickt, muss jetzt auch jeder Arbeitnehmer seine gesamten ihm zum Leben zur Verfügung stehenden 24 Stunden in den Dienst der Konzerne stellen. Ach ne, ich vergaß, neun Stunden dürfen wir ja behalten. Davon müssen wir 7 bis 8 Stunden schlafen. Bleibt als noch eine Stunde, in der wir all das machen können, wonach uns gerade ist.

Und niemand scheint dabei zu sehen, dass ein ganz, ganz großer Anteil der normalen Arbeitnehmer, die diese Lockerung des Arbeitsschutzgesetzes ja dann auch treffen würde, überhaupt keine Telefonkonferenzen mit San Francisco machen müssen. Und dass diese Menschen auch morgens keine E-Mails lesen müssen. Oder kennt Ihr eine Friseurin, die keine Termine mehr frei hat, weil sie „diese Woche noch zwei Telefonkonferenzen mit Indien“ vor der Brust hat? Ich nicht. Wie viele Menschen in Deutschland, gemessen an der arbeitenden Bevölkerung, arbeiten denn eigentlich so? 1% oder vielleicht sogar 3%? Und für die paar Männekes muss mal wieder ein Gesetz, dass eigentlich dem Schutz der Arbeitnehmer vor der Gier des Arbeitgebers dienen soll, „entschärft“ werden?

Es ist wirklich nicht zu fassen, dass Menschen, die so etwas öffentlich äußern, als „weise“ betitelt werden dürfen. Und noch viel weniger kann ich fassen, dass CDU/CSU und FDP, die solch menschenverachtende Ideen voll unterstützen, überhaupt gewählt werden.

Was unterscheidet uns eigentlich noch von einer Sklaverei? Was unterscheidet uns von Panem? Panem hatte den Arsch in der Hose, eine Rebellion zu starten. Wir nicht.

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