Binäres Denken ablegen – jetzt!

Als echte Ruhrpottgöre kenne ich wahrscheinlich mehr Kraftausdrücke, als jeder hier lebende Ausländer Deutschvokalbeln. Ich bin in der Lage mich derart ordinär zu äußern, dass es jedem Fernfahrer oder Bauarbeiter die Schamesröte ins Gesicht treibt. Ich kann auch das Wort „Erbsensuppenkotze“ rülpsend sagen. Ja, ich kann so ein richtiger Asi sein. Aber mache ich das auch? Natürlich nicht! Okay, manchmal … ;-)

Worauf will die Alte heute schon wieder hinaus, fragt Ihr Euch sicher. Nun, jeder weiß, dass es einen großen Unterschied macht, ob man etwas kann oder ob man das auch macht. „Man muss nicht alles sagen, was man weiß. Aber man muss immer wissen, was man sagt,“ passt auch in diese Kategorie. Wenn ich mir die Menschen auf diesem Planeten so ansehe, muss ich oft über genau das nachdenken. Es geht nicht mehr darum, das Richtige oder das Vernünftige zu tun. Es geht nur noch darum das zu tun, was man will, weil man es kann.

Das stellt, meiner Ansicht nach, den Verlust der Kontrolle dar. Es geht nicht mehr um ein vernünftiges Miteinander. Es geht nur noch um das Durchsetzen des eigenen Willens. Niemand ist mehr bereit, sich in irgendjemanden hineinzuversetzen. Die Welt durch die Augen des Anderen zu sehen. Ganz besonders fällt mir das in dieser elenden Rechts-Links-Diskussion auf, die sich in den letzten Jahren wieder viel zu sehr in den Vordergrund gerückt hat.

Aber dieses binäre Denken ist nicht mehr zeitgemäß. Der Quantencomputer steht kurz vor dem Durchbruch. Wir sollten es ihm gleich tun. Null und Eins, Schwarz und Weiß, Gut und Böse – so einfach es ist nicht mehr. Vielleicht war es da nie. Aber es gibt kein Entweder-Oder mehr. Es gibt nur noch die Vernunft. Sie sollte die größte aller Tugenden sein. (Nein, ich habe nichts von Immanuel Kant gelesen.) Denn das Einzige, was dieses binäre Denken hervorbringt, ist Ablehnung. Bringt jemand aus Gruppe A ein vernünftiges Argument vor, hört man ihm nicht zu oder lehnt es ab, nur weil es nicht von Gruppe B kommt. Das hat nichts mit Vernunft zu tun. Wenn das Argument gut und richtig ist, ist es genau das: Gut und richtig. Egal, wer es vorbringt.

Denkt nicht binär! Denkt in Quanten. Seid nicht Rechts oder Links. Seid beides. Seid Welle UND Teilchen. Und besinnt Euch wieder darauf, dass man eben nicht alles machen muss, nur weil man es kann. Wenn wir die Situation in diesem Land, in Europa wieder auf die Reihe bringen wollen, wenn wir den Riss, der durch die Gesellschaft geht, wieder kitten wollen, müssen wir aufhören, binär zu denken. Und es muss uns wieder wichtig sein, mit Vernunft und Verstand mit Anderen umzugehen. Und vielleicht sollten wir auch im gleichen Atemzug mal unsere Umgangsformen hinterfragen.

Denn viele Menschen in Deutschland und Europa faseln ja immer etwas von westlichen Werten. Wenn ich aber am ersten Samstag im Monat in den Supermarkt gehe, sehe ich gar nichts von IRGENDWELCHEN Werten. Als Teenager hätte ich niemals gedacht, dass mir sowas mal wichtig sein würde. Aber die Erfahrung zeigt, dass es ohne das eben nicht geht. Wenn wir das aufgeben, sind wir nicht mehr als wilde Tiere. Letztens habe ich im Internet ein Meme gesehen, was das hervorragend beschreibt: „Wenn im Supermarkt eine zweite Kasse öffnet, kann man sehen, wie dünn das Eis der Zivilisation wirklich ist.“

Natürlich kann man sich nicht von jetzt auf gleich ändern. Aber die Mehrheit hat doch einen gesunden moralischen Kompass. Und der muss nicht permanent justiert werden. Er funktioniert ganz von allein. Man muss nur auf die Vernunft vertrauen und ein klitzekleines Bisschen an seiner Empathie arbeiten.

Ich bin ja viel in alternativen Medien unterwegs. Seit einiger Zeit stelle ich fest, dass der Ton immer rauer wird. Die Aussagen werden immer offensichtlicher. Und ich habe dafür Verständnis. Die Menschen fühlen sich ungerecht behandelt (was sie ja meistens auch werden). Die Politik lässt viele nicht nur alleine, sondern beschimpft sie sogar auch noch, wenn sie es wagen, den Mund aufzumachen. Da vernünftig zu bleiben, ist nicht einfach. Denn wenn der Mensch eines hasst, dann ist es, ungerecht behandelt zu werden.

Was der Mensch aber auch sehr gut kann, ist, sich in irgendwas hineinzusteigern. Man müsste mal Neurophysiker fragen, ob das was mit dem Belohnungssystem zu tun hat. Aber das soll hier nicht das Thema sein. Es scheint jedoch einfacher zu sein, sich in etwas total hineinzusteigern und die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, als immer mal wieder einen Schritt zurück zu treten und das große Ganze zu betrachten. Sich immer wieder zu fragen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist.

Auch ich bin mit der Situation, wie sie im Augenblick ist, überhaupt gar nicht zufrieden. Ganz im Gegenteil. Aber ich versuche jeden Tag, mich nicht in irgendeinen Meinungsstrudel ziehen zu lassen. Und ganz besonders verbitte ich mir es, mich rechts oder links zu verorten. Das existiert in meinem Weltbild nicht. Wenn ich glaube, dass sich meine Sicht der Dinge zu sehr auf eine bestimmte Richtung fokussiert, sehe ich einfach woanders hin. Für mich ist es wichtig, nicht in Extremismus abzugleiten. Und das geht, meiner Ansicht nach, nur mit Vernunft. Womit ich aber nicht sagen will, dass ich einfach wegsehe und Probleme ignoriere. Es ist nur manchmal ganz hilfreich sich anzusehen, wie andere Menschen über den gleichen Sachverhalt denken. Die Kunst daran ist, das vorurteilsfrei zu tun. Und dem einen oder anderen Argument auch mal eine Chance in der eigenen Gedankenwelt zu geben.

Jeder, Rechte wie Linke, sollten einen Schritt zurück treten und sich fragen, ob der Weg, den sie eingeschlagen haben, noch zum Ziel führt. Und jeder andere sich hier aufhaltende Mensch sollte das auch tun. Wollen wir wirklich andere Menschen beleidigen, nur weil wir es können? Wollen wir wirklich andere Menschen verletzen, nur weil wir es können? Was wäre, wenn es von heute auf morgen keine Gesetze mehr gäbe? Würden wir uns dann alle sofort gegenseitig umbringen, nur weil wir es können? Fragt Euch, wir Ihr leben würdet, wenn es keinen Staat und keine Gesetze gäbe. Rauben und brandschatzen? Vergewaltigen und Morden? Sind es wirklich nur die Gesetze und die Angst vor Strafe, die Euch nicht zum Tier werden lassen? Oder ist es Eurer innerer Wunsch, in Frieden und Kooperation mit anderen zu leben?

Ich weiß, was Ihr jetzt denkt. „Ja, alles schön und gut. Aber guck dir doch mal die Migranten an. Die rauben und brandschatzen, vergewaltigen und morden ja bereits. Und das trotz der Gesetze!“ Ja, das ist richtig. Viele von ihnen tun genau das. Zu viele. Und es gibt immer wieder Menschen, die Gesetze brechen und anderen Schaden zufügen, egal woher sie kommen oder wo sie leben. Aber genau darum ist es wichtig, dass wir uns nicht in Rechte und Linke aufspalten lassen, sondern dass wir mit der Vernunft gemeinsam an einer Lösung für die Probleme arbeiten, die wir auf dieser Welt haben.

Was wir im Augenblick machen, läuft früher oder später auf einen Bürgerkrieg hinaus. Und der wird Links gegen Rechts ausgetragen. Möchtet Ihr das? Ich frage Rechte wie Linke. Möchtet Ihr, dass Eure Töchter vergewaltigt werden? (Und glaubt mir, dass passiert in jedem Krieg. Fragt mal Eure Großmütter, sofern sie noch leben und den WWII erlebt haben.) Möchtet ihr Menschen töten, und sei es nur, um Euer eigenes Leben oder das Eurer Familie zu verteidigen? Möchtet ihr hilflos daneben stehen, wenn eine Gruppe Menschen auf einen Menschen so lange einschlägt und tritt, bis von seinem Kopf nur noch ein Haufen Matsche übrig ist? Weinende Kinder auf den Straßen, die ihre Eltern nicht finden können, weil sie tot sind?

Viele glauben nicht, dass das passieren kann. Weil sie in Frieden aufgewachsen sind. Weil sie die Schrecken des Krieges zum Glück niemals erleben mussten, sind sie der irrigen Auffassung, ihnen könnte so etwas nicht passieren. Und weil sie, lustiger Weise, an die Vernunft der anderen Menschen glauben, obwohl sie ihre eigene Vernunft schon längst abgelegt haben. Oder sie glauben, dass die anderen Menschen zu viel Angst haben, um so etwas zu tun. Aber glaubt mir, wenn es Euch nicht gelingt, Euer binäres Denken abzulegen, wird genau das passieren. Früher oder später …

Man muss nicht alles tun, nur weil man es kann. Stichwort Erbsensuppenkotze. Und man muss nicht binär denken, nur weil es andere tun. Seid Welle und Teilchen zugleich.

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