Nicht ohne meine Tochter

Als ich in einem Alter war, in dem Jungs für mich langsam interessant wurden, bekam ich von meiner Mutter ein Buch in die Hand gedrückt. Sie hatte es sich einige Wochen zuvor gekauft und ausgelesen. Ich müsse es nicht lesen, aber es wäre vielleicht nicht schlecht, sagte meine Mutter damals. Es war das Buch mit dem Titel „Nicht ohne meine Tochter“ von Betty Mahmoody.

Wer das Buch kennt, kann jetzt zum nächsten Absatz springen. Wer es nicht kennt, hier eine kurze Zusammenfassung. Es handelt davon, wie Betty mit ihrem iranischen Ehemann (Arzt) und der gemeinsamen vierjährigen Tochter Urlaub im Iran, dem Heimatland des Ehemanns, machen. Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass der Urlaub in einen Umzug mutiert. Der Ehemann hat nicht die Absicht, in die USA zurückzukehren. Betty soll sich den „Sitten und Gebräuchen“ seiner Heimat anpassen. Sie darf nur noch mit Frauen verkehren, muss im Haus bleiben, sich verschleiern. Auch körperliche Gewalt wird als Mittel verwendet, um Betty in die neue Situation zu zwingen. Als das Ganze auf die Tochter Auswirkungen zu haben droht, entschließt sie, die Flucht mit der Tochter anzutreten.

Wie gesagt, als ich das Buch las, war ich ein Teenager. Man könnte annehmen, dass man in dem Alter noch nicht die ganze Bandbreite der Konflikte und Folgen versteht, die in diesem Buch beschrieben werden. Dem war aber nicht so. Ganz und gar nicht. Für mich war nach dem Lesen dieses Buches eines klar. Nämlich, dass ich mich niemals blindlinks und naiv in eine Beziehung mit einem Moslem begeben werde. Dass es Menschen gibt, denen ihre Religion und die Lebensweise ihres Herkunftslandes alles bedeutet und ich darin eventuell keinen Platz haben bzw. nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen würde. Hätte ich heute eine Tochter, würde ich ihr das Buch genauso zu lesen geben, wie meine Mutter damals mir. Denn es hat mir einen Blick in eine Welt ermöglicht, die ich bis dahin so nicht kannte.

Ich kannte zwar einen ganzen Haufen Türken, Marokkaner, Iraner, Libanesen usw. Aber Religion spielte eigentlich nie eine Rolle. Es war im täglichen Miteinander einfach kein Thema. Und ich hatte auch immer das Gefühl, dass es eigentlich egal wäre, an welchen Gott man glaubt. Dieses Buch hat mir aber gezeigt, dass es Menschen gibt, denen das ganz und gar nicht egal ist. Das aller Wichtigste aber: Dass Menschen sich durch andere Menschen beeinflussen lassen. Denn Bettys Mann hatte nicht die Absicht, eine Familienentführung durchzuführen. Er wollte mit seiner kleinen USA-Familie Urlaub bei seiner großen Iran-Familie machen. Doch er ließ sich beeinflussen und „umprogrammieren“.

Das hat mich im Umgang mit Moslems vorsichtiger werden lassen. Ich sage nicht, dass ich ab diesem Tag, an dem ich das Buch ausgelesen hatte, allen Kontakt mit sämtlichen Moslems abgebrochen hätte. Das wäre ja Blödsinn gewesen. Aber der Blick auf eine mögliche Beziehung hat sich verschärft. Die Naivität, dass mich jeder nur um meiner selbst willen lieben würde, und dass die wahre Liebe alle Grenzen überwinden könnte (ja, Mädchen glauben sowas in dem Alter), hat sich in Vorsicht verwandelt. Und wenn ich so auf mein bisheriges Leben zurückschaue, war das genau der richtige Umgang damit.

Denn ich hatte viele Freundinnen, die mit Moslems Beziehungen eingegangen sind. Nicht eine davon nahm ein glückliches Ende. Warum? Nun, weil Mädchen bei uns in Deutschland so erzogen werden, dass sie tun und lassen können, was sie wollen. Dass sie sich niemandem unterzuordnen brauchen. Das sieht in anderen Gegenden der Welt ganz anders aus. Und gerade in muslimisch geprägten Ländern hat die Frau oft nicht viel zu sagen. Da prallen also zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander. Früher, als es noch kein Internet gab, wusste die eine Welt wenig von der anderen. Die Mädchen zu dieser Zeit dachten, dass die Typen, mit denen sie nicht zurechtkamen, einfach Idioten seien. Sie haben das damals noch nicht mit der Religion assoziiert. Zumal es auch noch genügend deutsche Jungs gab, die sehr eifersüchtig waren und bei einer Trennung zu dem wurden, was wir heute einen Stalker nennen. Das einzige, was wir damals wussten war, dass die „Südländer“ ein etwas hitzigeres Temperament hatten, dass sie es vielleicht mit der Treue nicht so ganz genau nehmen und dass sie überdimensioniert stark an ihren Familien hingen und ihren Anweisungen teilweise hörig folgten. Dass die Religion damit etwas zu tun haben könnte, kam uns damals noch nicht in den Sinn.

Aber alle die Mädchen, die ich kannte, die sich auf eine Beziehung mit einem Moslem einließen, wurden bitter enttäuscht. Und in seltenen Fällen, war auch körperliche Gewalt im Spiel. Ich kenne sogar eine türkische Familie (nein, keine Kurden, keine Alawiten) wo der Vater seiner Tochter verboten hat, ihm mit einem Moslem nachhause zu kommen. Er sei nicht nach Deutschland gegangen um dieselbe Scheiße jetzt hier wieder zu haben. Sie solle sich einen vernünftigen Deutschen suchen, der sie um ihrer selbst willen liebt und sie gut behandelt. O-Ton!

Warum erzähle ich das alles überhaupt?

Nun, die Diskussion um das KiKa-Gate hat mich über meine eigenen Erfahrungen nachdenken lassen. (Wer sich da hinein lesen möchte, dem empfehle ich „Diaa und Malvina“ in einer Suchmaschine einzugeben.) Und da ich diese eigenen Erfahrungen auch tatsächlich habe, glaube ich sagen zu können, dass die sachliche Kritik an diesem Film tatsächlich nicht unbegründet ist. Ich möchte aber auch ganz ausdrücklich betonen, dass dieses Gift und Galle Verspritzen die wahren Kritiker (wie so oft) in eine Ecke schiebt, in der sie von der breiten Gesellschaft leider nicht mehr gehört werden. Und was ist nun meine Kritik an diesem Film?

Dieser Film stellt eine Situation als Realität dar, die so kaum bzw. nur ganz selten existiert. Zumindest nach meiner eigenen Lebenserfahrung. Malvina scheint für ihr Alter ziemlich reif (im Kopf) zu sein. Daher sehe ich es nicht als Problem an, dass Diaa einige Jahre älter ist und lasse diese Tatsache außen vor. Ich sehe das Problem eher darin, dass hier Kindern und jungen Teenagern eine Welt gezeigt wird, die so nicht existiert. Dass die beiden sich in vielem nicht einig sind, wird zwar thematisiert. Die Konsequenzen, die sich daraus aber in der realen Welt ergeben können, werden nicht thematisiert. Es wird so getan, als ob es die Normalität wäre, dass sich junge Männer, die aus patriarchalen Gesellschaften kommen, auf solche Diskussionen überhaupt einlassen. Das tun aber die meisten nicht. Viele Deutsche verstehen die Denkmuster dieser Menschen nicht. Sie stülpen einfach ihre Moralvorstellungen über diese Menschen und glauben, dass sie sie damit bewerten könnten. Nein, das könnt Ihr nicht! Ich habe es oft genug mit ansehen müssen, dass genau das eben nicht funktioniert. Aber genau das wird den Kindern in diesem Film vermittelt. Und das ist das eigentlich falsche und vor allem gefährliche daran. Und was viele daran auch noch vergessen, ist der Druck, den die Familie des Mannes plötzlich und ganz unerwartet aufbauen kann. Selbst wenn sich Diaa so verhält, wie wir es uns alle wünschen, heißt das noch lange nicht, dass sich seine Brüder, Cousins oder wer auch immer sich verantwortlich fühlt, genauso verhalten. Wenn Diaa mit seinem Verhalten „Schande über die Familie“ bringt, dann aber gute Nacht, Johanna. Und die Tatsache, dass dieser arme Junge jetzt von radikalen Moslems Morddrohungen erhält, zeigt doch, dass ich Recht habe. Und wenn einem dieser Vollidioten der Geduldsfaden reißt, dann liegt Malivna vielleicht auch bald (Gott bewahre!) mit dem Gesicht nach unten in einem Fluss. Oder man schüttet ihr heiße Säure ins Gesicht.

Und genau das finde ich vom KiKa unverantwortlich. So zu tun, als wäre das alles zwar nicht ohne Konflikte, aber in Kern doch total normal und vor allem völlig ungefährlich. Das ist es eben nicht. Als wäre die Einstellung des Partners selber das einzige „Problem“. Nein, das ist eben nicht das einzige „Problem“. Aber was macht der Hessische Rundfunk? Lädt zu einer „Diskussionsrunde“(s.u.) nach dem üblichen 4-gegen-1-Schema ein und versucht durch AfD-Bashing vom eigentlichen Problem abzulenken. Anstatt sich mit der haufenweise sachlich geäußerten Kritik auseinander zu setzen, geht man nur auf die Idioten ein, die ihrer Idiotie freien Lauf gelassen haben. Das verzerrt die Diskussion (mal wieder) in eine völlig falsche Richtung.

Dann geistert mir seit ein paar Stunden noch eine Frage im Kopf herum. Warum hat der KiKa diese Sendung überhaupt gemacht? Mit welcher Intention? Was wollte man der Zielgruppe vermitteln? Hat man tatsächlich gedacht, dass diese Sendung bei jungen Mädchen zu einer differenzierten Meinung über dieses Thema führt? Will man junge Mädchen damit dazu bringen, vorsichtig und kritisch darüber zu denken? Oder hat man vielleicht sogar die Illusion gehabt, dass junge Migranten diese Sendung sehen und dadurch ihre eventuell zu strenge Haltung zum Thema Frauen und Freiheit hinterfragen? Oder haben da einfach nur ein paar Gutmenschen geglaubt, sie könnten mit einer solch vereinfachten Darstellung der Realität, den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen? Was auch immer der Grund für die Produktion dieses Films war, es geschah zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, den man sich nur vorstellen kann. Denn in einer Gesellschaft, in der Mädchen von Migranten geschlagen, vergewaltigt, gemessert und getötet werden, will niemand, aber wirklich niemand sehen, dass es „ja auch andere“ gibt. Ich will damit nicht sagen, dass es nicht „auch andere“ gäbe. Und ich bin mir nicht mal sicher, wer da die Mehrheit und wer die Minderheit stellt. Aber der Zeitpunkt für einen solchen Film war schlichtweg ein Griff ins Klo.

Wenn ich das richtig verstanden habe, ist der Film im November 2017 im TV gelaufen. Da war Mia aus Kandel ja noch am Leben. Aber Silvester 2015 auf der Domplatte war trotzdem schon vorbei. Und jemand, der auch nur einen Hauch von Empathie besitzt, zeigt solche Filme nicht in einer Zeit, in der die Gesellschaft durch Übergriffe von Migranten auf deutsche Frauen verunsichert ist. Das ist Öl ins Feuer gießen. Und es war doch klar, dass dieser Film irgendwann in den sozialen Netzwerken zerrissen wird. Und das mit Recht. Nun könnte man ja noch argumentieren, dass sie ja zeigen können, was sie wollen. Aber ich bin der Meinung, dass ein Sender der sich aus Zwangsgebühren finanziert, die JEDER in Deutschland zu zahlen hat, auch JEDEM Bürger gegenüber eine Verantwortung trägt. Und dass ein solcher Sender eben nicht zeigen kann, was er will, in dem er unreflektiert einen Sachverhalt darstellt, der so gut wie nie der Realität entspricht. Und der die Probleme, die außen herum noch existieren, komplett ausblendet.

Bildet Euch selbst eine Meinung. Hier ist die Diskussion zu dem Thema zu sehen. Ab dem Zeitstempel 0:34:35 geht die Diskussion los. Vorher gibt es einen Einblick in Malvinas und Diaas Leben.

Das Buch „Nicht ohne meine Tochter“ ist übrigens schon 1988 in deutscher Sprache erschienen.

Advertisements