Propaganda für die Abschaffung des Bargeldes? Oder doch eine Heiligsprechung?

Heute Morgen habe ich auf der Internetseite Rheinischen Post folgenden Artikel gelesen:

Wozu wir noch Bargeld brauchen

Bitte lies Dir diesen Artikel erst vollständig durch, bevor Du hier weiter liest. Ich warte solange.


Jeopardy-Musik läuft im Hintergrund

Fertig? Gut. Denn jetzt möchte ich diesen Artikel gerne kommentieren.

Los geht’s mit dem ersten Absatz:

In Schweden hat die Zukunft schon begonnen. Bargeld spielt hier kaum noch eine Rolle. Nur jeden fünften Einkauf bezahlen die Schweden noch mit Scheinen und Münzen. Selbst Kleinbeträge für Busfahrscheine oder Kaffee werden per Karte und „Mobile Payment“ (Zahlen per Smartphone) entrichtet. Im Dom von Uppsala steht schon seit Jahren ein „Kollektomat“, bei dem Kirchgänger per Karte spenden können.

Am Monitor können sie bei Bedarf auch gleich die Zweckbindung (etwa Jugendarbeit oder Entwicklungshilfe) mit angeben. Selbst die Verkäufer der Obdachlosenzeitung in Stockholm kommen ohne Bargeld aus: Sie haben sich mobile Kartenlesegeräte angeschafft, wie Ulrike Neyer, Wirtschaftsprofessorin an der Universität Düsseldorf, berichtet.

In Schweden hat die Zukunft also „schon“ begonnen. Im hinterwäldlerischen Deutschland, wo alle noch mit Bargeld bezahlen, natürlich nicht. Das zumindest soll der erste Satz direkt mal suggerieren. Bargeldloser Zahlungsverkehr ist Zukunft! Wir alle können schon die gleißend hellen Science-Fiction-Städte mit fliegenden Autos vor unserem geistigen Auge sehen, oder? Außerdem werden durch diverse Beispiele die häufigsten Einwände gleich widerlegt. Die Zahlung von Kleinbeträgen. Und selbst die schwedischen Obdachlosen sind toller als unsere Deutschen. Sie haben sich Kartenlesegeräte angeschafft. Mensch klasse! Menschen, die um jeden Euro betteln, kaufen sich für 600 Euro ein EC-Cash-Gerät mit GPRS. Und die Gebühren, die das Geldinstitut für jede Transaktion verlangt, sind natürlich für solche Menschen auch kein Problem. WTF!?

Was spricht für bargeldloses Bezahlen?
Es gibt einige Argumente dafür: Für Taschendiebe gibt es nichts mehr zu holen. Die Verbraucher sind auch bei überraschenden Ausgaben „flüssig“. Banken müssen keine aufwendige, teure Bargeld-Logistik betreiben. Und vor allem: Schwarzarbeit und Geldwäsche werden erschwert, da bargeldloses Zahlen Spuren hinterlässt. Deshalb gibt es auch in Deutschland Bestrebungen, Scheinen und Münzen den Garaus zu machen.

Und wiiiieder wird die alte Leier ausgepackt. Es soll angeblich viel sicherer sein. Also mir ist es lieber, wenn mich einer Überfällt und mir meine 50 Euro klaut, als wenn ich auf einen doofe Phishing-Mail hereinfalle und mir einer mein ganzes Konto leer räumt. Oder meinen Paypal-Account knackt. Oder, oder, oder. Es gibt zig Argumente dafür, dass bargeldloser Verkehr eben NICHT unbedingt sicherer ist und automatisch vor Schaden schützt.

Und was können denn wohl diese überraschenden Ausgaben sein, die durch die Bargeldabschaffung leichter zu bedienen wären? Die zahlt doch auch heute schon jeder mit der EC- oder Kreditkarte. Es schleppt doch niemand säckeweise Bargeld mit sich herum. Außer ein paar Angebern oder Zuhältern vielleicht. Also das ist in meinen Augen überhaupt kein Argument. Überraschende Ausgaben … tzzz. Huch, ich muss ein neues Sofa kaufen. Mensch gut, dass es jetzt kein Bargeld mehr gibt, oder wie?

Weiter geht es mit einem anderen Lieblingsargument der Bargeldgegner. Die böse Schwarzarbeit und die Geldwäsche. Dann werden Putzfrauen demnächst eben nicht mehr in Euro bezahlt sondern mit etwas Anderem. Und die wirklich kriminellen Geldströme, laufen sowieso schon übers Darknet mit Bitcoin und Co. Womit auch das Argument Geldwäsche entkräftet ist. Wer wäscht denn heute noch sein Geld mit einem China-Restaurant oder einer Reinigung? Keine Sau! Und seit dem die Registrierkassenpflicht in Kraft getreten ist, sowieso nicht mehr.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger fordert, das Bargeld abzuschaffen, um die Märkte für Schwarzarbeit und Drogen auszutrocknen. Erst gestern legte die Universität Linz ihren Schwarzarbeit-Report vor: Danach erwirtschaftet die deutsche Schattenwirtschaft aktuell Leistungen im Wert von 330 Milliarden Euro, was einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 10,4 Prozent entspricht.

Einer der Wirtschaftsweisen hat gesprochen! Hough! Ich zitiere hier mal die Wikipedia: „Von 1985 bis 1990 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter und ab 1987 Bundesbank-Oberrat in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Landeszentralbank in Baden-Württemberg.“ Was also soll er auch anderes sagen als „Bargeld ist blöd“? Nehmen wir einfach mal an, das Bargeld würde wirklich abgeschafft. Dann wäre es unmöglich, all den Geldverkehr über Girokonten laufen zu lassen. Das bedeutet, es würde ein System etabliert, dass genauso funktioniert, wie ein Portemonnaie, eben nur elektronisch. Man hält also ein Smartphone an einer anderes und es werden 10 Euro über Bluetooth übermittelt. Diese 10 Euro sind dann von einem Gerät zum anderen gegangen, ohne dass es jemand mitbekommen hat. So etwas gibt es ja heute schon.

Was ist in Deutschland geplant?
Die Europäische Zentralbank will Ende 2018 die Ausgabe von 500-Euro-Scheinen einstellen, um es Geldwäschern schwerer zu machen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) würde gerne eine Obergrenze für Barzahlungen einführen. Danach sollen Barzahlungen nur für Beträge bis zu 5000 Euro erlaubt sein. In Frankreich liegt diese Grenze sogar nur bei 1000 Euro. Den Gebrauchtwagen kann man dort kaum noch schwarz kaufen.

Wer kauft denn Gebrauchtwagen für unter 1.000 Euro „schwarz“? Schwarz heißt ja, an der Steuer vorbei. Also muss es sich ja um ein Geschäft zwischen einem Kaufmann und einem Privatmann oder zwischen zwei Kaufleuten handeln. Wer kauft denn Autos in dem Preissegment beim Händler? Das sind doch eh alles Privatverkäufe. Und auf solche Fahrzeuge entfällt sowieso meistens die Umsatzsteuer weil sie schon differenzbesteuert sind. §25a UStG halt. Das bedeutet, der Verkäufer muss nur noch die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis versteuern. Seinen Gewinn eben. Daher differenzbesteuert. Also das Gebrauchtwagen-Argument ist totaler Blödsinn. Und was die Abschaffung des 500-Euro-Scheins angeht, dazu habe ich ja hier vor einigen Tagen ein schönes Video von Herrn Prof. Sinn gepostet. Kriminelle waschen ihr Geld nicht mit 500-Euro-Scheinen.

Welche Rolle spielt bargeldloses Zahlen in Deutschland?
„Drei Viertel aller Transaktionen an Kassen oder Automaten werden bar bezahlt, vom Umsatz her sind das ungefähr die Hälfte aller Geschäfte“, sagt Martin Renker, Chef des Bankenverbands NRW und Chef der Deutschen Bank Nordwest. Obwohl inzwischen fast jeder Bürger eine Girocard besitze, wachse der Marktanteil an Kartenzahlungen gerade mal um ein Prozent pro Jahr. Binnen zehn Jahren habe sich der Umlauf der Euro-Banknoten sogar auf 1000 Milliarden verdoppelt.

Wie schön. Die nackten Zahlen beruhigen uns wieder. Alle lieben Bargeld. ;-)

Was spricht gegen Bargeld-Obergrenzen?
„Der Staat würde damit seine Bürger beschränken, sich die Zahlungsweise auszusuchen. Bargeld ist da auch Freiheit. Ich finde, das ist fast eine Art Grundwert unserer Marktwirtschaft“, sagt Renker.

Auch Neyer betont: „Jeder sollte so zahlen können, wie es seinen Präferenzen entspricht.“ Zudem gebe es verfassungsrechtliche Bedenken. Bei gesetzlichen Begrenzungen von Bargeldzahlungen handelt es sich um einen Eingriff in das Grundrecht der Vertragsfreiheit. Solche Eingriffe seien nur zu rechtfertigen, wenn sie dem Wohle der Allgemeinheit dienten und verhältnismäßig seien.

Ganz genau. Da haben der Herr Renker und die Frau Neyer absolut Recht. Und die Begrenzung oder gar die Abschaffung des Bargeldes dienen sicher nicht dem Wohle der Allgemeinheit. Und verhältnismäßig ist das auch nicht. Zumal wir ja schon ein Geldwäschegesetz haben. Und das sagt unter anderem, dass man die Identität seines Handelspartners verifizieren muss, sobald mehr als 15.000 Euro Bargeld über den Tisch gehen. Und das Gesetz sagt noch vieles andere. Genug, um der Geldwäsche Herr zu werden. Das Problem ist, dass es keine Sau kontrolliert. Ich habe in all den Jahren noch keine Prüfung im Sinne des Geldwäschegesetzes erlebt. Und das ist ein Problem, welches sich durch alle Gesetzbücher in Deutschland zieht. Gesetze haben wir genug. Wir haben auch die richtigen. Sie werden nur nicht angewendet.

Wozu brauchen wir Bargeld?
„Bargeld ist gelebter Datenschutz“, sagt Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, unserer Redaktion. „Unbares Zahlen hinterlässt Datenspuren, die kommerziell genutzt und zur Erstellung eines Verbraucherprofils verwendet werden können. Diese Daten können von Dritten illegal ‚abgefischt‘ werden.“

So sieht’s nämlich aus. Ich habe mir schon lange angewöhnt, alles, was irgendwie möglich ist, bar zu bezahlen. Es geht niemanden etwas an, wo ich einkaufen gehe. Und irgendwann sieht meine Krankenkasse, dass ich andauernd in die Pommesbude gehe oder bei EDEKA alle zwei Tage eine Tüte Chips kaufe und schon werden meine Beiträge erhöht. Oder meine Versicherung sieht, dass ich nie in die Werkstatt fahre und erhöht meine Prämie. Nix da!

Ein weiterer Pluspunkt: „Bargeld schafft Transparenz in der Haushaltskasse. Wir wissen, dass mobiles Bezahlen manchen Verbrauchern Schwierigkeiten bereitet, ordentlich zu haushalten, wenn das Bezahlen per Klick so einfach ist. Die scheinbar ständige Verfügbarkeit unbarer Zahlungsmittel kann verführen und den Einstieg in die Verschuldung befördern.“

Ja, das ist auch ein sehr gutes Argument gegen die Bargeldabschaffung. Genau mit dieser Methode halte nämlich auch ich meine Finanzen im Gleichgewicht. Das kann ich wirklich jedem empfehlen der, genauso wie ich, schlecht mit Geld umgehen kann. Es ist einfach, die Kontrolle zu behalten wenn man sieht, wie das Bargeld im Laufe des Monats im Portemonnaie immer weniger und weniger wird. Dazu noch ein Haushaltsbuch (natürlich nicht elektronisch) und alles wird gut. ;-)

Und der oberste deutsche Verbraucherschützer sieht weitere Vorteile. „Bargeld schützt vor negativen Zinsen eines Bankkontos.“ Schon heute diskutieren Ökonomen, wie man sparsame Verbraucher durch negative Zinsen zu mehr Konsum bewegen kann. „Zentralbanken und Politik würden erheblichen Einfluss auf unsere Ersparnisse und unser Alltagsleben erhalten.“

Das hat er aber vorsichtig formuliert, der Herr Müller. Na gut, man will sich ja auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Dann ist man ja ruck zuck in der Ecke der Verschwörungstheoretiker. Aber was er eigentlich hätte sagen wollen, so denke ich zumindest, ist, dass die Banken und der Staat uns nach Strich und Faden beklauen bzw. uns unser eigenes Geld vorenthalten könnten. Negativzinsen sind da erst der Anfang. Was ist, wenn wirtschaftliche oder gesellschaftliche Probleme auftreten und man lieber all sein Geld in Sicherheit bringen will? Das geht dann nicht mehr weil es einfach nirgendwo mehr sicher (vor dem Staat) ist. Es existiert ja nicht einmal mehr wirklich. Und das ist genau das Problem, was Herr Müller hier so nett umschreibt.

Die Wissenschaftlerin Neyer ergänzt: „Bargeld erlaubt Zug-um-Zug-Geschäfte, das heißt weder Käufer noch der Verkäufer müssen in Vorleistung treten und damit keine Angst haben, dass nach Lieferung der Ware der Käufer nicht zahlt bzw. der Verkäufer nach Zahlung die Ware nicht liefert.“

Ein gutes Argument, dass ich bis heute, ehrlich gesagt, gar nicht auf dem Schirm hatte. Obwohl ich das auch für vernachlässigbar halte. Wenn ich betrogen werde, gibt es ja Gesetze, die mich schützen. Es sei denn, ich habe mich auf einen ausgefuchsten Betrüger eingelassen. Aber auch da ist meist noch etwas zu retten. Aber im Grundsatz hat sie natürlich Recht, die Frau Neyer.

Warum kommen viele Schweden trotzdem ohne Bargeld aus?
Neyer erklärt das mit den unterschiedlichen Präferenzen der Bevölkerungen. Möglicherweise sei die schwedische Bevölkerung im Schnitt technikaffiner und messe der Anonymität bei Zahlungen keinen so hohen Stellenwert bei. Müller ergänzt: „Es gibt in Skandinavien durchaus eine andere und offene Mentalität, in Schweden können ja auch Steuerunterlagen eingesehen werden.“ Ebenso hat die Geografie Einfluss. „Auch Rahmenbedingungen spielen hier eine Rolle, dass etwa in eher dünn besiedelten Gebieten der schnelle und komplikationslose Zugang zu Bargeld (Geldautomaten) nicht möglich ist“, sagt Ökonomin Neyer.

Vielleicht war es keine Absicht, denn der Artikel scheint sich ja nach anfänglicher Propaganda ganz gut gefangen zu haben. Doch hier wird wieder einmal ganz unterschwellig behauptet, dass die Deutschen rückständig sind. Die schwedische Bevölkerung sei möglicherweise technikaffiner. So, so. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Meiner Einschätzung nach sind sie einfach naiver. Denn wer dem ganzen Technikkram so willen- und gedankenlos hinterher rennt, hat nicht an die Konsequenzen gedacht. Es wäre allerdings auch möglich, dass die schwedische Bevölkerung insgesamt jünger ist als die deutsche. Meiner Oma zum Beispiel, sie wird jetzt 86 Jahre alt, bräuchte ich mit so etwas nicht kommen.

Gibt es in zwanzig Jahren noch Bargeld in Deutschland?
Ja, meint der Verbraucherschützer. „Auch dann werden wir Kleinigkeiten am Kiosk, das Taschengeld für die Kinder und Spenden für Obdachlose immer noch bar bezahlen. Viele Menschen wollen keine digitale Rundum-Kontrolle. Bargeld ist auch Freiheit“, sagt Klaus Müller.

Und ich werde weiterhin alles, was ich kann, mit Bargeld bezahlen. Denn es geht hier nicht um Kleinigkeiten oder den Euro für den Obdachlosen. Es geht um die Freiheit und um das Selbstbestimmungsrecht.

Natürlich würden sich elektronische Zahlsysteme oder das Bezahlen mit Smartphone mehr und mehr durchsetzen, meint auch der Chef des Bankenverbands. Aber Bargeld werde bleiben. „Bereits 1000 vor Christus entstand in China Papiergeld, seit 700 vor Christus gibt es Münzen, ich wüsste nicht, warum Bargeld in 20 oder auch 50 Jahren verschwunden sein sollte“, so Renker. Über 90 Prozent der Deutschen hielten nichts von der Abschaffung des Bargelds. Renker: „Nicht zuletzt: Was ginge uns ohne Bargeld alles verloren: das Geld von der Oma, die Sparschweine, die Zahnfee.“

Dass die Abschaffung des Bargeldes bzw. die Argumente dagegen zum Schluss des Artikels noch einmal auf Lappalien reduziert werden, gefällt mir nicht. Es geht hier um weit mehr. Und wie lange es Geld schon gibt, spielt dabei keine Rolle. Und wenn die Oma in 50 Jahren ein Smartphone hat, was garantiert der Fall sein wird, dann könnte sie den Zehner auch per PayPal rüberschicken. Und die Zahnfee könnte auch andere Sachen unters Kopfkissen legen. iTunes-Karten zum Beispiel.

Zum Schluss bin ich mir also gar nicht so sicher, was dieser Artikel jetzt eigentlich aussagen möchte. Am Anfang klang es ja noch nach purer Propaganda. Aber dann kamen ein paar ganz gute Argumente gegen die Abschaffung des Bargeldes. Im Großen und Ganzen wurde hier aber nur oberflächlich kritisiert. Was die Bargeldabschaffung wirklich bedeuten würde, nämlich der komplette Kontrollentzug über das eigene Geld, das wurde leider mit keinem Wort erwähnt. Schade, dass die Presse sich an dieses Thema immer noch nicht wirklich heran traut.

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Eine interessante Sicht der Dinge in Bezug auf die Bargeldabschaffung

Aus diesem Blickwinkel habe ich das Ganze ehrlich gesagt noch nie Betrachtet. Sehet und staunet bei Minute 33:25.

Von Minute 33:25 bis 36:00 unbedingt anschauen. Eigentlich hatte ich an Minute 33:25 ein Lesezeichen gesetzt. Das wird hier aber wohl aus mir unerfindlichen Gründen nicht berücksichtigt.